Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Rohatsu 2010

Unter dem windigen Fenster
nahe am Runenmeer
nascht Süden
goldene Sterne
zu Kletzenbrot
leiser Schneefall
von der Milchstraße.



Diesen Rohatsu-Sesshin werden wir so schnell nicht vergessen. Erstens, weil er beinahe nicht zustande kam. Zweitens, weil bereits für die Ankunft in Lindau Anstrengungen unternommen werden mussten, die der Willenskraft eines durchlebten Sesshins durchaus vergleichbar sind. Drittens, weil er doch noch zustande kommen konnte. Viertens, weil er unser bisher bester war und überwiegend als „zu kurz“ beurteilt wurde.


Donnerstagmittag. Es schneit und schneit und schneit. Aus anfänglicher Winterromantik wird langsame Sorge, schließlich die wachsende Erkenntnis, dass eine Reise hierher zu beschwerlich bis unmöglich sein wird.
Traurig stapeln sich fortan die vielen Töpfe, der Kühlschrank schmollt zum Bersten, überall im Haus hängen Zettel mit dem Tagesplan in froher Erwartung auf ein Studium, im Zendo wartet die überarbeitete Rezitation auf ihre Erprobung - und jetzt - sollen sie nicht zum Einsatz kommen?
Während wir beide überlegen, wie viel Personen ein Sesshin ausmacht - zwei, vielleicht drei- oder ... - klingelt es plötzlich - welch eine Freude!
Später wieder und dann noch ein paar Mal und auf einmal sitzen wir in vertrauter Runde über warmer Suppe und können beginnen, wie geplant. Hiermit ging bereits ein Sesshin zu Ende - habt Ihr es gemerkt?
Nachdem wir bis dahin alle schon ein beträchtliches Stück an innerer Arbeit geleistet hatten - was konnte uns dann eine Stunde mehr oder weniger auf dem Kissen noch anhaben?

Es liegt eine wunderbare Magie in Tagen geregelter, übertragener Abfolge, in ihrer Verlangsamung und in der Nachfolge eines Rhythmus, der seit Hunderten von Jahren von den Suchenden so vieler Traditionen befolgt wird.


Wir begeben uns, jedes Mal aufs Neue, auf die immer anders geartete Reise nach innen - und hierbei ist jeder für sich, einzeln und vollkommen allein. Keiner kann unser Zazen sitzen. Niemand kann unsere Koans lösen, unsere Berge erklimmen. Wir müssen sie selbst gehen, unsere Schritte, treppauf, treppab - von Anfang bis Ende.
„Andere sind nicht ich“. Wir müssen sie leben, unsere Fünf Skandhas, das ist eine Seite unserer Übung. Sie gerät oftmals in den Hintergrund durch die Betonung des anderen Aspektes: Indra‘s Netz, denn diese Fünf Skandhas sind eins mit allem und daher müssen und möchten wir uns allem annehmen. Wir brauchen beide Seiten. Wenn wir eine davon verlieren, geraten wir in Schwierigkeiten.


Der Zauber einer Sangha, die heilende Kraft einer spirituellen Gemeinschaft ist kaum so deutlich spürbar und selten tragfähiger als während eines Sesshins.
Wenn Dogen in den „Regelungen für die Klostergemeinschaft“ (Eihei Shingi) schreibt: „Diese große Versammlung ist eine Soheit“ - so meint er genau dies. Das ist gerade im Soto-Zen ein wichtiger Aspekt. Wir arbeiten, rezitieren, essen und sitzen zusammen, „gleich in der Speise, gleich unter dem einen Gesetze“. Wenn andere schlafen, so tun wir dies auch. Wenn andere arbeiten, ebenso - gemeinsam mit allen Wesen als ein Körper.
Hat jemand Schmerzen, haben alle Schmerzen. Wackelt die eine Ecke, wackelt der ganze Raum. Schlägt jemand einen guten Gong, freuen wir uns. Versingt sich jemand, gehen wir mit einem Schritt beim Kinhin - alles fließt ein in diese Weite, welche uns eine Ruhe und Tiefe erfahren lässt wie es die wöchentliche gemeinsame Meditation nur selten vermag. Selbst der dornenreichste Sesshin hat solche Augenblicke. Sie sind, irgendwo im Fluss des schier endlos erscheinenden Tages, welcher so nahtlos in die Nacht überzugehen scheint, fast immer enthalten.


Der Juwel ist kein Schatz, der irgendwo innerhalb unserer selbst verborgen ist.
Gemeinsam mit anderen leben und sitzen, üben - in Frieden und in Harmonie - ist der Juwel.

So wurden es Stunden in wachsender Vertrautheit und Freundschaft mit dem Klang der Stille, welcher umso deutlicher hervortrat, je ruhiger und entrückter die Landschaft um uns herum sich malte. Es hatte auch etwas von den Alten, die oft erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um zu ihrem Zendo zu gelangen. Heute noch sprechen wir von ihnen, noch immer kommen sie an - ob sie das gewusst haben?
Eine derartige Reise ist gut, um unser Gepäck zu erleichtern - dauerhaft.
Auch das ein Weg, den Buddha in uns zum Leben zu erwecken: dem folgen, was uns zutiefst berührt; gleich einer Schneeflocke im Vertrauen auf eine gute Landung, werden wir wach zu den Klängen der Welt, den Rufen des Dunkels, den Rufen des Lichtes.




Wann immer
ich lausche
atmet es
plötzlich
tupfen einander
Flocken um Flocken
hinter der Amaryllis
an Buddhas Schulter
im Kerzenlicht.


J.

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