Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Dec 2010

Zeitenwende

Ein gutes Sangha-Jahr neigt sich dem Ende. Es war unser bislang bestes. Vielen Dank für Eure Unterstützung, Euer Kommen, Euer Sitzen. Im Rahmen der Neujahresfeier werden wir, wie immer, das letzte Jahr noch einmal Revue passieren lassen und einen Ausblick auf das kommende gemeinsame Jahr versuchen.

Ganz besonders möchten wir uns bei allen bedanken, die unseren Blog lesen oder auf der Webpage stöbern und die nicht zu uns kommen können oder möchten - dabei sind wir ganz nett! Aber nicht jeder darf im schönen Norden wohnen, so ist es leider. Sonst hätten wir schon ganz viel Zen hier! Eure virtuellen Besuche sind uns Ermutigung und Ansporn. Ab und an können auch wir beides gut gebrauchen.

Wir wünschen allen, bekannt und unbekannt, einen guten Jahresabschluss, harmonische (Familien)-Tage und ein rund-gesundes Neues Jahr!

Gassho, Eure Juen und Nanzan

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Hörst Du, wie es singt?

In der Stadt -
Klänge von Flöten und Trommeln.
Aber auf diesem hohen Berg
nur das Knistern von Kiefernnadeln.

Ryokan


Im zweiten Halbjahr haben wir begonnen, die Aufgaben des Kokyo, Ino und des Zeitgebers (Zazen, Han, Rezitationsglocke) auf mehr Schultern zu verteilen als bisher.
Bestimmte Aufgaben innerhalb einer Sangha zu übernehmen, ist eine gute Übung. Das ist in den meisten Gruppen so. Bei uns werden diese Aufgaben erst nach einer Weile vergeben, das sind in der Zählweise des Zen einige Jahre. Das Sitzen sollte solide sein und die Verankerung innerhalb der Sangha stabil.
Es gibt es noch weitere Besonderheiten: Oft sind es Dinge, die wir nicht besonders mögen und -zumindest zunächst- nicht sonderlich gerne ausführen. Vorzugsweise werden uns sogar Aufgaben gegeben, von denen wir überzeugt sind, absolut ungeeignet dafür zu sein. Das ist die Sache mit dem Können und unseren Vorzügen!
Nicht genug damit, erhalten wir für eine proper ausgefüllte Aufgabe selten Lob, oft nicht einmal die Rückmeldung, dass sie überhaupt wahrgenommen wurde. Dafür aber scheint es fast immer jemanden zu geben, der die von uns längst bemerkten Fehler auch gesehen oder gehört hat - vor allem natürlich am Anfang, das bedeutet: in den ersten Jahren. Das ist manchmal ein bisschen schwierig.
Vielleicht hilft es, sich an das häufige Ende der Geschichten über Chinesische Zen-Schüler und Meister zu erinnern, wenn es da heißt: „Der Mönch verbeugte sich.“ Er hat die Anleitung gehört. Er hat sie in sich aufgenommen. Er hat sie nicht persönlich genommen. Er ist dankbar dafür. Das ist alles.
Nach ein paar solcher Aufgaben innerhalb des geschützten Rahmens einer Sangha können wir uns vielleicht auch gegenüber unserem Chef „verbeugen“, dem ollen Nachbarn, den ganz speziellen Situationen mit den Eltern, den schrecklichen Politikern...

Nun, da einige von Euch sich in die subtile Welt des Zusammenspiels während einer Rezitation begeben, ein paar Hinweise hierzu:
Erstens: alle unsere Rezitationen sind Ausdruck von Dankbarkeit. Zweitens und drittens: siehe erstens.

Die erste Widmung geht an Shakyamuni Buddha - es ist unsere Identifikation mit der Buddha-Natur in uns. Sie ist auch an den historischen Buddha gerichtet, der sich nach seinem Erwachen nicht einfach in die schönen Berge zurückgezogen hat, sondern siebenundvierzig Jahre lang keine Mühen scheute, um sie zu vermitteln, um sie zu lehren. Nur hierdurch war es möglich, dass das Dharma über Indien, China und Japan zu uns gelangen konnte. Es gibt für unsere Ahnen keine grössere Freude, als die, uns das Dharma praktizieren, respektieren und weitertragen zu sehen.
Allein der Ausdruck von Dankbarkeit verändert. Er kann unsere gesamte Weltsicht verwandeln; eine Sicht, in der wir uns nur allzu oft auf die 5% konzentrieren, die gerade nicht ganz so rund laufen - für uns.

Die zweite Widmung ist an die Linie der Lehrer gerichtet. Wir singen die Namen der indischen, chinesischen und japanischen Lehrer. Damit bedanken wir uns für ihre Leben, für die Lehre, welche sie an uns weitergereicht haben und: für unser Leben, welches seither ein Leben im Dharma geworden ist.
Rezitation handelt auch von Energie - der Energie unserer Stimme im Raum, unserer Gemeinschaftsenergie, sowie der Stimmen von so vielen, die vor uns diesen Weg besungen haben.

Das Dharma lehrt auf vielen Wegen, einer davon besteht in Worten, die auf diese Weise einen anderen, oftmals direkteren Zugang zu uns finden als es gesprochene Sätze vermögen.
Ein Sutra wie das Maka Hannya Haramita Shingyo oder das Daihishin Dharani wird sich zunächst einen Weg ins Unterbewusste bahnen und von hier aus seine Wirkung in uns entfalten.
Irgendwann werden wir dann Sätze hieraus „denken“. Sie werden von dort zahllose Wesen erreichen - sichtbar oder unsichtbar, noch lebend oder bereits verstorben.
Wenn wir andere Zentren oder Klöster besuchen, werden wir feststellen, dass nahezu jeder Ort ein wenig anders rezitiert. Das ist vielleicht am Anfang etwas verwirrend. Es macht aber auch deutlich: worauf es ankommt, ist die Rezitation des Dharmas.
Dieses kann nur von Angesicht zu Angesicht übertragen werden, denn nur so bleibt es lebendig.
Der Buddha hat frühzeitig seine Mönche angewiesen, das Dharma in ihre jeweiligen Regionen zu tragen und an die dortigen Gegebenheiten anzupassen. Dafür sind wir bis heute ein gutes Beispiel: eine Übung, die aus dem fernen Ostasien kommt und dabei ist, sich in einem völlig anderen Kulturkreis zu etablieren, kann nur überleben, wenn sie sich an die Umstände, an ihre Gesellschaft und deren Fragen anpassen kann.

Die zweite Widmung ist an unsere Umgebung gerichtet: unter anderem an unsere Eltern, unsere Lehrer, an die Gegend, in der wir wohnen. Die Einbeziehung unserer Eltern ist hierbei besonders wichtig. Das wird auch im Rahmen der Jukai-Zeremonie deutlich. Im Laufe unserer Übung vermengen sich unsere genetische Herkunft und die von Angesicht zu Angesicht übertragene Linie des Buddha-Dharma. Daher sollten wir uns genauso mit unseren Eltern und deren Eltern bis hin zu „Buddhas Zeiten“ verbunden und verpflichtet fühlen wie wenn wir von unseren Dharma-Ahnen sprechen. Deswegen ist der Friedensschluss mit unseren Eltern -egal, wer sie sein mögen und wie sehr sie uns enttäuscht haben mögen - von hoher Bedeutung für unseren eigenen spirituellen Weg.

Des weiteren richten wir uns an Kranke und Verstorbene - als Geste der Fürsorge - und der Erinnerung. Irgendwann, irgendwo, wird auch unser Name an dieser Stelle gesungen werden.

Ein weiterer Aspekt unserer Rezitation besteht in seinem Ausdruck unserer Verbundenheit mit allem. Sie beginnt mit Gassho - oder den vollen Verbeugungen. Diese Geste allein bedeutet ein Zusammenführen von verschiedenen Teilen und seine Umsetzung in eine Handlung. Während der Rezitation werden wir „Buddha“, werden wir „die anderen“. Yuibutsu Yobutsu - ein Buddha und ein Buddha.

Wir rezitieren die ersten Sutren auf Japanisch, als Hinweis auf unsere Tradition. Gleichzeitig gelingt uns in einer für die meisten fremden Sprache - das Herzsutra wird zudem auf altjapanisch rezitiert - leichter: Einspitzigkeit. Wir verstehen nichts. Wir brauchen nicht zu denken. Wir können einfach nur singen und Klang werden. Wenn wir auf diese Weise rezitieren, gibt es keinen Unterschied zwischen unserem Zazen und unserer Rezitation.

Gassho, Juen


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Rohatsu 2010

Unter dem windigen Fenster
nahe am Runenmeer
nascht Süden
goldene Sterne
zu Kletzenbrot
leiser Schneefall
von der Milchstraße.



Diesen Rohatsu-Sesshin werden wir so schnell nicht vergessen. Erstens, weil er beinahe nicht zustande kam. Zweitens, weil bereits für die Ankunft in Lindau Anstrengungen unternommen werden mussten, die der Willenskraft eines durchlebten Sesshins durchaus vergleichbar sind. Drittens, weil er doch noch zustande kommen konnte. Viertens, weil er unser bisher bester war und überwiegend als „zu kurz“ beurteilt wurde.


Donnerstagmittag. Es schneit und schneit und schneit. Aus anfänglicher Winterromantik wird langsame Sorge, schließlich die wachsende Erkenntnis, dass eine Reise hierher zu beschwerlich bis unmöglich sein wird.
Traurig stapeln sich fortan die vielen Töpfe, der Kühlschrank schmollt zum Bersten, überall im Haus hängen Zettel mit dem Tagesplan in froher Erwartung auf ein Studium, im Zendo wartet die überarbeitete Rezitation auf ihre Erprobung - und jetzt - sollen sie nicht zum Einsatz kommen?
Während wir beide überlegen, wie viel Personen ein Sesshin ausmacht - zwei, vielleicht drei- oder ... - klingelt es plötzlich - welch eine Freude!
Später wieder und dann noch ein paar Mal und auf einmal sitzen wir in vertrauter Runde über warmer Suppe und können beginnen, wie geplant. Hiermit ging bereits ein Sesshin zu Ende - habt Ihr es gemerkt?
Nachdem wir bis dahin alle schon ein beträchtliches Stück an innerer Arbeit geleistet hatten - was konnte uns dann eine Stunde mehr oder weniger auf dem Kissen noch anhaben?

Es liegt eine wunderbare Magie in Tagen geregelter, übertragener Abfolge, in ihrer Verlangsamung und in der Nachfolge eines Rhythmus, der seit Hunderten von Jahren von den Suchenden so vieler Traditionen befolgt wird.


Wir begeben uns, jedes Mal aufs Neue, auf die immer anders geartete Reise nach innen - und hierbei ist jeder für sich, einzeln und vollkommen allein. Keiner kann unser Zazen sitzen. Niemand kann unsere Koans lösen, unsere Berge erklimmen. Wir müssen sie selbst gehen, unsere Schritte, treppauf, treppab - von Anfang bis Ende.
„Andere sind nicht ich“. Wir müssen sie leben, unsere Fünf Skandhas, das ist eine Seite unserer Übung. Sie gerät oftmals in den Hintergrund durch die Betonung des anderen Aspektes: Indra‘s Netz, denn diese Fünf Skandhas sind eins mit allem und daher müssen und möchten wir uns allem annehmen. Wir brauchen beide Seiten. Wenn wir eine davon verlieren, geraten wir in Schwierigkeiten.


Der Zauber einer Sangha, die heilende Kraft einer spirituellen Gemeinschaft ist kaum so deutlich spürbar und selten tragfähiger als während eines Sesshins.
Wenn Dogen in den „Regelungen für die Klostergemeinschaft“ (Eihei Shingi) schreibt: „Diese große Versammlung ist eine Soheit“ - so meint er genau dies. Das ist gerade im Soto-Zen ein wichtiger Aspekt. Wir arbeiten, rezitieren, essen und sitzen zusammen, „gleich in der Speise, gleich unter dem einen Gesetze“. Wenn andere schlafen, so tun wir dies auch. Wenn andere arbeiten, ebenso - gemeinsam mit allen Wesen als ein Körper.
Hat jemand Schmerzen, haben alle Schmerzen. Wackelt die eine Ecke, wackelt der ganze Raum. Schlägt jemand einen guten Gong, freuen wir uns. Versingt sich jemand, gehen wir mit einem Schritt beim Kinhin - alles fließt ein in diese Weite, welche uns eine Ruhe und Tiefe erfahren lässt wie es die wöchentliche gemeinsame Meditation nur selten vermag. Selbst der dornenreichste Sesshin hat solche Augenblicke. Sie sind, irgendwo im Fluss des schier endlos erscheinenden Tages, welcher so nahtlos in die Nacht überzugehen scheint, fast immer enthalten.


Der Juwel ist kein Schatz, der irgendwo innerhalb unserer selbst verborgen ist.
Gemeinsam mit anderen leben und sitzen, üben - in Frieden und in Harmonie - ist der Juwel.

So wurden es Stunden in wachsender Vertrautheit und Freundschaft mit dem Klang der Stille, welcher umso deutlicher hervortrat, je ruhiger und entrückter die Landschaft um uns herum sich malte. Es hatte auch etwas von den Alten, die oft erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um zu ihrem Zendo zu gelangen. Heute noch sprechen wir von ihnen, noch immer kommen sie an - ob sie das gewusst haben?
Eine derartige Reise ist gut, um unser Gepäck zu erleichtern - dauerhaft.
Auch das ein Weg, den Buddha in uns zum Leben zu erwecken: dem folgen, was uns zutiefst berührt; gleich einer Schneeflocke im Vertrauen auf eine gute Landung, werden wir wach zu den Klängen der Welt, den Rufen des Dunkels, den Rufen des Lichtes.




Wann immer
ich lausche
atmet es
plötzlich
tupfen einander
Flocken um Flocken
hinter der Amaryllis
an Buddhas Schulter
im Kerzenlicht.


J.

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