Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Feb 2011

Kommen und Gehen

Stern am Morgen, Kräuseln im Fluss,
zuckender Blitz in einem Sommersturm,
flackerndes Licht, Schatten und Traum -
so ist diese flüchtige Welt.
(aus dem Diamant-Sutra)

Während des Sanghatages im Pari-Nirvana Monat Februar haben wir uns
mit den „Fünf Erinnerungen“ beschäftigt:

1. Es ist mir gegeben, alt zu werden. Es gibt keinen Weg, dem Altwerden zu entrinnen
2. Es ist mir gegeben, krank zu werden. Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entrinnen.
3. Es ist mir gegeben, zu sterben. Es gibt keinen Weg, meinem Tod zu entrinnen.
4. Alle, die mir nahe stehen und alle, die ich liebe, sind Veränderungen unterworfen.
5. Meine Handlungen sind mein einziger Besitz. Sie bilden den Boden, auf dem ich stehe.

Die ersten vier Erinnerungen handeln von dem, was wir nur allzu oft nicht gerne sehen möchten: nichts bleibt. Alles, alles ist Veränderungen unterworfen:

Blütenblätter welken, obschon wir sie mögen. Unkraut sprießt, obschon wir es nicht mögen.
Genjokoan

Ob es uns gefällt oder nicht, irgendwann kommen sie: Fältchen, Lesebrille, Hörtest. Wechseljahre. Jemand bietet uns im Bus den Platz an. Die Aussicht, Oma, Opa zu werden, ist keine ganz so ferne Phantasie mehr. Unsere eigenen Eltern werden sichtbar fragiler. Unsere Kleine, eben noch im Kindersitz, besteht die Führerscheinprüfung. Wir haben Geburtstag und zählen nach: die Hälfte oder vielleicht die (statistisch betrachtet) längste Zeit ist bereits vergangen. Unser Chef geht in Rente. Wir schauen uns in der Arbeit um und stellen fest: manche könnten unsere Kinder sein.

Jemand stirbt. Nicht im Fernsehen. Hier, heute. Jemand, den wir kennen. Der eben noch unter uns war. Den wir geliebt haben.
Es ist: in unserem Gesicht. Täglich.

Dennoch schaffen wir es, unter oft erheblichem Kraftaufwand, diese uralte Weisheit, eine Grundlage unserer buddhistischen Übung, schlichtweg zu übersehen. Und wenn uns das Leben jäh damit konfrontiert, halten die meisten von uns allenfalls kurz inne.
Wenn es anders wäre, gäbe es Zen-Zentren wie Sportvereine.

Was, so haben sich Übende vieler Traditionen schon lange gefragt, was bleibt?

Obschon es wahr ist, dass nichts von bleibender Substanz ist und sich selbst unser hochgeschätztes Ich aus einer Vielzahl von Zyklen des Werdens und Vergehens zusammensetzt, die einer steten Veränderung bis hin zum Verlöschen unterworfen sind - etwas von alledem bleibt. Oder?

Zen hat darauf eine sowohl pragmatische wie - immer so! - unbequeme Antwort: unsere Handlungen.
Was wir denken.
Was wir tun.
Hier, heute.
Jetzt: solange wir noch hier sind.

Dafür gibt es ein ganz einfaches Maß:
Führen unsere Handlungen zu mehr Frieden - für uns und andere? Oder bewirken sie, dass diese sich regelmäßig über uns aufregen, Rache hegen und letztendlich auf Distanz gehen?
Bereiten wir anderen mit unserer Anwesenheit Freude?
Jeden Augenblick treffen wir eine Wahl, wie wir jemand anderem gegenübertreten; welches Karma wir hervorrufen.

Eine Sangha kann uns auch hierin wunderbares Übungsfeld und Spiegel zugleich sein. Es gibt nur wenig andere Orte, an denen wir gleichzeitig so liebevoll aufgenommen werden, immer wieder, und uns alles - a-l-l-e-s verziehen wird, immer wieder.

Die Zeit, sie läuft...
Denn: auch die schönste Sangha währt nicht für immer.
Sie ist, wie so vieles auf unserem Weg, ein Geschenk.

Es gibt auch nicht so viele Orte, an denen unsere Handlungen, bewusste wie insbesondere unbewusste, eine derart sicht- und spürbare Auswirkung haben. Für alle. Was die oben beschriebenen Handlungen natürlich beeinflusst ... und genau das ist erwünscht.

Der Buddha gab uns die ethischen Richtlinien als Handlungshilfe.
Es braucht nicht mehr als diese Richtlinien und unsere Absicht. Wir können unser gesamtes Leben mit ihnen verbringen.
Diese Übung ist nie zu Ende. Wir können sie niemals erschöpfen. Es gibt nicht so viele Dinge im Leben, die wir gerne tun und bis zuletzt ausüben können.

Wir können Dankbarkeit, Neugierde und Verwunderung darüber empfinden, wie es kommt, das wir hier... im idyllischen SH, fernab der großen Zentren, völlig überraschend ein so großes, nie zu verdienendes Geschenk bekommen haben.

Purpurrot
die sieben Schätze -
mit beiden Händen halte ich
Granatäpfel hoch -
ein Geschenk.

Ryokan

Gassho, Juen


eis


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