Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Jan 2013

Den Graben mit Schnee füllen

... „Es gibt Berge, welche in Schätzen verborgen sind. Es gibt Berge, welche in Sümpfen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Himmel verborgen sind. Es gibt Berge, welche in den Bergen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Verborgensein verborgen sind.
So üben wir.

Ein alter Buddha sprach: “Berge sind Berge, Wasser sind Wasser.“
Diese Worte bedeuten nicht, dass Berge Berge sind; sie bedeuten,
Berge sind Berge.
Daher solltest Du diese Berge gründlich erforschen. Wenn Du die Berge gründlich untersuchst, so wird dies zur Bemühung inmitten der Berge.
Derartige Berge und Wasser werden von sich aus zu weisen Menschen und Heiligen“.

Dogen Zenji
Sutra der Wasser und Berge


„Wenn es sich gut anfühlt, dann ist es bestimmt nicht Buddhismus“ wird einer der bekannteren tibetischen Lehrer zitiert.
Oho! Einerseits kommt das der auch kulturell bedingten Seite in uns entgegen, die ein mehr oder weniger ausgeprägt vorhandenes Schuldempfinden mit sich herumträgt: ich bin „schlecht“ oder zumindest nicht ganz in Ordnung - und irgendwo dort draußen befindet sich das höchst erstrebenswert „Gute“.
Um dorthin zu gelangen, muss ich mich anstrengen und immer weiter verbessern und dann, eines Tages, komme ich an, wo „alles“ besser ist.
Der Weg dorthin war für unsere Vorfahren mit meist sehr harter Arbeit verbunden, die sich oft „nicht gut“ angefühlt haben kann und welche auch von dem in Aussicht gestellten Heilsversprechen genährt wurde.
Aus ihm resultiert unsere vergleichsweise gute Arbeitsmoral. Sie hat wesentlich zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen - aber auch die absoluten Katastrophen, welche zwei von uns initiierte Weltkriege mit sich zogen, mit verursacht.

Im Zen gibt es kein Versprechen auf irgendetwas in der Zukunft. Das wäre ein völliges Missverständnis von dem, was man als „Erleuchtung“ oder „Erwachen“ bezeichnet. Dies sind keine dauerhaft erlangbaren Zustände in einer fernen Zeit, sie waren es selbst bei den wachsamsten unserer Ahnen nicht - bei allem, was wir heute von ihnen wissen.

Erwachen, das ist erstens: Zufriedenheit, mit dem was ist.
Zweitens: Zufriedenheit mit dem, was kommen wird und drittens: Zufriedenheit mit dem, was war. Und viertens (oder erstens): Zufriedenheit, mit der Erfahrung, dass sich dies alles in einem steten Wandel befindet. Das heißt, ein bestimmter Zustand ist niemals von Dauer.
Ich darf stets „von Neuem“ mit etwas zufrieden sein. Das kommt der Dynamik eines erwachten Menschen relativ nahe.
Hierzu ist es leider erforderlich, mich bis in den letzten Winkel auszuloten, was sich oft „gar nicht gut“ anfühlt. Es fühlt sich im Gegenteil streckenweise total langweilig, hundsmiserabel oder einfach nur schrecklich an.
Und doch - führt kein Weg daran vorbei zu schauen, auf das was ist. Meine Starre, meine Angst, meine Sorge um Verlust von „Wohlbefinden“, meine kleinliche Art, meine eigentlich rührende Verteidigung dessen, was wir unser „Ich“ nennen - wenn es nicht so vollkommen lähmend und abgrundtief schmerzhaft wäre. Bei hellem Lichte gesehen, fühlt sich dies alles ebenfalls „gar nicht gut“ an.
Aber ist es nicht besser, mir einer unschönen Seite oder eines Versagens meiner selbst bewusst zu werden als diesen Teil vollkommen ahnungslos mit mir herumzuschleppen?
Ich kann nur handeln mit dem, was ich sehe. Ich kann nur etwas ändern, wenn ich es betrachtet habe. Und - wenn ich mich wirklich „gut“ fühlen möchte, werde ich nicht darum herumkommen, etwas zu verändern und mich zu verwandeln.

So geht es in unserer Übung um weit mehr als die Anerkennung von verdrängten Gefühlen oder schmerzhaften Kindheitserlebnissen.
Es geht erstens darum, zu sehen, wie viel an Schmerz und Leid wir in uns tragen und zweitens wie viel wir davon weitertragen: bei anderen verursachen. Drittens hilft die wachsende Erfahrung hiermit zu erkennen, wie flüchtig dieses Samsara ist und dass die unausweichliche Wahrheit für jeden von uns so aussieht:

1. Wir werden alle älter und fragiler.
2. Alles befindet sich in stetem Wandel.
3. Alles, was wir erreichen oder erreicht haben, was wir angehäuft und aufgebaut haben, wird mit der Zeit vergehen. Alle, die wir lieben und die uns nahestehen, werden nur vorübergehend mit uns sein.
4. Wir werden sterben.

Daher wird uns jede Übung, die sich diesem durch Stärkung dessen, was wir unser „Ich“ nennen, widersetzt oder zumindest unser Greifen nach Unsterblichkeit unterstützt, in die genau entgegengesetzte Richtung des Dharmas befördern. Und das Dharma ist so gar nicht zum Wohlfühlen.

Vielleicht könnten wir dem noch eine fünfte unausweichliche Wirklichkeit hinzufügen: das Leiden innerhalb dieses Samsara ist unendlich, un-end-lich. Wir brauchen hierfür nur eine Minute Radio zu hören.

Andererseits ... und das macht unsere Zen-Praxis so verwirrend wie sympathisch: können wir es hierbei keinesfalls belassen.
Wir müssen etwas tun und schon der kleinste Beginn mit nur einer einzigen Runde Zazen hat höchst heilsame Auswirkungen auf die Welt, in der wir leben. Hierbei dürfen wir uns zweifelsohne auch „richtig gut“ fühlen!

Wenn wir daran teilhaben möchten, die schillernd schöne und vollkommen verzweifelte Landschaft unserer Menschheit ein wenig zu glätten und zu erhellen, können wir dies auch tun, in dem wir dem nächsten Menschen einfach nur freundlich gegenübertreten.
Indem wir lernen, zuzuhören ohne eigene Agenda. Indem wir tun, was nötig ist. Nicht, weil es „gut“ ist oder wie auch immer bewertet wird. Indem wir uns die Stille unserer Meditation zum innigen Freund machen. Oder indem wir die nächste Tasse Tee von Anfang bis Ende mit Achtsamkeit und Sinneswachheit leeren.

„Jegliche Spuren von Erwachen fallen ab, man zieht seine Sachen an und nimmt ein Mahl. Wo spirituelle Energien in den zehntausend Dingen herumschlendern, gibt es keine Möglichkeit, etwas zu benennen oder zu rahmen. Ist dies nun ein gewöhnlicher Mensch oder ein Weiser?“

Dogen Zenji
(Koan)

Gassho,
Juen

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