Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Mar 2011

Bodhisattvas aller Länder!

In dieser Woche sind die ersten Frühlingsboten in den Norden gelangt: helle Tage in klarem Licht werfen einen Blick auf Krokusse, morgendliche Vogelstimmen, Knospen und jenen zarten Flor auf gefrorener Erde, wie er nur im März besteht. Erleichterung liegt in der Luft - wir haben ihn nahezu überstanden, den langen Winter am 54. Breitengrad.
Während in unserem kleinen Universum Aufbruchstimmung und Vorfreude keimen, scheint bei einigen unserer Freundinnen und Freunde im Osten die Welt unterzugehen. Zumindest sieht es, von unserer vermeintlich sicheren Warte her betrachtet, immer mehr danach aus.
Dabei sind die meisten von uns vieles gewöhnt.
Es fällt schwer genug, angesichts der täglichen Kriegsberichte, Gräueltaten und Unglücksereignisse noch ein individuell anständiges Maß an innerer Anteilnahme aufzubringen. Die Medien liefern eine Abfolge an Extremsituationen auf dieser Erde in unser Wohnzimmer - wir können alltäglich gar nicht anders, als auf Distanz zu gehen.
Dieses Mal trifft es Japan, das Land, zu dem einige von uns eine besondere Beziehung haben. Bilder, die uns seit zwei Wochen von dort geliefert werden, bringen einiges hervor, zum Beispiel: Neugierde vermischt mit ehrlicher Betroffenheit und einer nicht zu leugnenden immerhungrigen Informationslust.
Kann ich mir vorstellen, von einer Minute auf die andere nicht mehr zu besitzen als meine Kleidung und die Erinnerung an das, was einmal sowohl meine als auch die Geschichte meiner Familie, Eltern, Nachbarn, gewesen ist?
Alles - weg?
Kann ich mir vorstellen, mit Würde, Disziplin und Bereitschaft diesem allem gegenüberzutreten?
Kann ich mir vorstellen, kein Wasser aus der Leitung mehr trinken zu können?
Kann ich mir vorstellen, Angst zu haben, durch eine unsichtbare Macht, die alles um mich herum durchdringt, für den Rest meines Lebens vergiftet zu werden?
Was kann ich angesichts all dieser vernichtenden Informationen überhaupt tun außer hinter meiner Chipstüte zu verschwinden und den nächsten Kanal anklicken?
Ich kann beten. Spenden. Beobachten. Sitzen. Mir meines Energiehungers bewusst werden. Meiner Lebensweise insgesamt.
Mich dessen besinnen, was wirklich wichtig ist: mein Kissen. Freunde. Sangha. Ich kann nochmals beten. Nochmals spenden.
Und ab und an ein Blick auf diesen herannahenden Frühling.
Es gibt auch für uns hier sehr viel zu tun.

Gassho, Juen

nbg

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Heute: Gassho

Bestimmte Dinge können wir nicht oft genug erklären. Erst durch Worte, selbst formuliert und aus eigener Erfahrung entstanden, bekommt unsere Praxis ein Gesicht.

Gassho, wörtlich „gatsu-sho“ bedeutet „Hände zusammen“. Es wird manchmal auch als das reine Mantra der drei Karmas von Körper, Geist und Mund bezeichnet. Ein japanischer Zen-Lehrer spricht von Gassho als den „Drei Schätzen, die sich selbst in allen Dingen erkennen“.
Von den vielen Formen, die es im Zen gibt, ist das Gassho vielleicht die wichtigste. Es gibt mehrere Arten des Gassho und zahlreiche Gebräuche - wie Respekt zollen oder Achtsamkeit üben, zum Beispiel.
Im Gassho fügen wir zusammen - linke und rechte Seite - absolut und relativ, gut und schlecht, oben und unten. Dies ist ein aktiver Vorgang, denn nur durch uns kann der Wirklichkeit Ausdruck verliehen, können Einheit und Vielfalt zusammengefügt und verwandelt werden.
Ein Gassho, trotz aller „Vorschriften“ - s.u. - ist daher in höchstem Maße kreativ: wir erschaffen es, wir drücken aus. Übung und Erwachen in einem.
Die einfache Geste das Gassho bedeutet Anerkennung dieser wesentlichen Einheit: Übung ist Erwachen, relativ ist absolut. Absolut ist relativ. Das Selbst ist das Nicht-Selbst.
Es findet seinen Ausdruck in unserem Körper, in der Zeit, in der wir leben.
Das Verwobensein aller Dualitäten, unsere Verbindungen innerhalb unserer selbst und zueinander sind alle enthalten in diesem Gassho.

Anleitungen für ein Gassho gibt es viele, manche davon sind sehr detailliert. Wir bringen unsere Handinnenflächen zusammen, erlauben dabei kein Überkreuzen der Finger und auch keinen Zwischenraum zwischen den Fingern. Beim stehenden Gassho zeigen die Unterarme parallel zum Fußboden. Wir blicken auf unsere Fingerspitzen und konzentrieren uns auf die Mulde in der Handinnenfläche.
Wir bringen unseren Körper und Geist zur Ruhe, lassen ihn einspitzig werden und friedvoll.
Würden wir jedes Mal, wenn wir unsere Hände in Gassho zusammenfügen, dies tun, so hätte dieses kleine Gassho immense Auswirkungen nicht nur auf unser Leben sondern auf das jener, denen wir unser Gassho entgegenbringen, belebten und unbelebten Wesen.

Gassho bedeutet: Verbundensein. Auch mit unserer Tradition, die aus Japan stammt. Verbundenheit mit einem Land, das dem unsrigen in seiner Kultur und Ästhetik so fern ist, in seiner Nachkriegsgeschichte und seinem Karma so verwandt.
In einer Welt, in der wir, nicht zuletzt durch die Medien, die uns auch diesen Blog erlauben, immer enger zusammenrücken, in der Lebensweisen - zumindest im „Westen“ - sich immer mehr ähneln, berührt uns das Schicksal derer, die uns diese Übung weitergereicht haben, ganz besonders.
Niho Roshi und seine Familie, die Klosteranlagen von Entsuji, unser Freund Masahiro Miyake und die seinen sind unversehrt.
Sie sind in großer Sorge.
Wir denken viel an unsere japanischen Freundinnen und Freunde.

Gassho.

Juen



Bis wann 
soll ich trauern?
Wie auch immer ich trauere -
kein Ende -
mein Kopf ganz verloren.

Ryokan


stone

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Dotoku

Wir haben ein weiteres Kapitel aus dem Shobogenzo übersetzt: Dotoku - Ausdruck des Weges, der Wahrheit.
Dieses Kapitel handelt davon, inwiefern und warum es so wichtig ist, unserem Weg, unserer Wahrheit Ausdruck zu verleihen, mit Körper, Geist und jenem, was dazwischen liegt.

Ein Mönch fragte Joshu:
„Welche Bedeutung hat Bodhidharmas Kommen aus dem Westen?“
Joshu antwortete: „Der Eichbaum dort im Garten“.
Mumonkan


Alle Koans handeln davon, wie wir unserem Erkennen Ausdruck verleihen können, sollen. Die Umstände hierbei sind immer die gleichen: an uns wird eine Frage gestellt, die wir beantworten müssen. Sonst kommen wir „nicht weiter“.
Diese vielleicht etwas stilisierte Form der Übung bildet unser Leben in kondensierter Form ab: wir können nicht umhin, uns gewissen Fragen zu stellen und so lange nach einer Antwort zu suchen, bis wir sie gefunden haben. Wir können ferner nicht umhin, unserer Praxis Ausdruck zu verleihen.

Haben wir nach ein paar Jahren eine gewisse körperliche Verankerung im Zazen erreicht, ist es hier genauso wie andernorts möglich, mich in mein Kissen zu verstecken.
Ich kann dort alles tun: das Nicht-Denken denken, träumen, Wutausbrüche pflegen oder großartige Pläne zur Verbesserung unserer Erde schmieden - kaum einer wird hiervon etwas mitbekommen. Vielleicht werden wir ein wenig ruhiger. Immerhin.
Obschon im Zen gilt: „Sei still und sitze“ - für zwei Jahre, zwanzig Jahre, zweihundert Jahre ... reicht unser Streben weit über das blanke Sitzen, die heilsame Tiefenentspannung, hinaus.

Ohne Ausdruck, ohne sichtbare Verwirklichung dessen, was wir auf dem Kissen erfahren, bleibt unser Sitzen unreif, uninspiriert, leblos. Buddha - jener und jener - muss am Leben erhalten werden, muss sich zeigen. Das geht nur durch und mit uns. Sonst betreiben wir bestenfalls Enzyklopädie und sollten vielleicht besser Briefmarken sammeln, einen Baum pflanzen oder die Kinder zum Turnen begleiten.

Das Selbst hoch halten und die zahllosen Dinge beleuchten, ist Verblendung. Dass die zahllosen Dinge hervorkommen und das Selbst beleuchten, ist Erwachen.
Genjokoan


Keine Befreiung ohne Ausdruck. Freiheit und Ausdruck gehören zusammen wie „der Fuß voran und der Fuß hintan“. Sonst können weder die zahllosen Dinge hervorkommen noch das Selbst verschwinden.
Wir sollten beiden diese wundervolle Chance geben.

Gassho, Juen


hands

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