Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Mar 2015

Alltagspraxis

Warum praktiziere ich?

Es gibt so viele verschiedene Pfade und Gründe, die uns zum Meditationskissen bringen, wie es Formen der Meditation und Wege im Buddhismus gibt. Was führt Menschen von heute dazu, den Weg der Stille zu gehen? Bei aller Verschiedenheit im Ausdruck - die letztendlichen Beweggründe, die uns in der Übung halten, haben sicherlich vieles gemeinsam.
Vielleicht ist es so, dass anfänglich ein genau definierbarer Grund besteht, mit der Meditation zu beginnen. Wunsch nach Entspannung, ein einschneidendes persönliches Ereignis, Neugierde. Für manche wird das Interesse an Meditation versiegen, wenn ihre Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema sich dem Ende zuneigt.
Bei jenen, die bleiben, entstehen neue Gründe. Bei allen, die schon sehr lange dabei sind, werden diese eventuell in den Hintergrund treten, weil unser Meditationsplatz ein nicht mehr wegzudenkender Ort in unserem Haus darstellt. Um nicht der Gefahr zu unterliegen, in der jeweiligen Phase stecken zu bleiben, kann es von Zeit zu Zeit für alle Übende des Weges sinnvoll sein, zu fragen: warum praktiziere ich? Stimmen die Gründe, die mich zum Kissen brachten, noch mit meiner jetzigen Praxis überein und inwiefern? Ein Versuch.

A.
Ich kann mich noch ein wenig daran erinnern, warum ich angefangen habe zu üben. Es fiel mir zwar unendlich schwer, sitzen zu bleiben und auch die Umgebung - das kahle Zendo, die vielen Formen - fand ich nicht einladend. Aber: meine damalige Lehrerin schien jemand zu sein, die wusste, was sie tat und warum sie hier ist. Genau das war auch meine Frage.
Heute, viele Jahre später, sitze ich, weil ich mir ein Leben ohne Verankerung in der Stille nicht mehr vorstellen kann. Sie hat mir alles geschenkt: Neugierde, Kreativität, Lebensfreude und die allerbesten Freunde, die man sich vorstellen kann.

B.
Ein Sehnen nach inneren Frieden und Stille war es, dass ich mich auf die Suche begab.
Mein anfängliches Sitzen war zunächst auf die Zeit auf dem Kissen beschränkt, war ein Tun ganz alleine für mich, eine Auszeit vom Alltag , ein Ort der Ruhe ...Dies änderte sich, als mein Partner schwer erkrankte. Ganz allmählich wurde es ein wundervolles Üben für uns gemeinsam, bekam eine ganz andere Tiefe. Auf dem Kissen konnte ich Kraft für unsere Familie - für die Stunden die dazwischen lagen – schöpfen. Und trotz all der Schwere, blieb in dieser Zeit meine Freude an der Übung erhalten.Da erst begann ich den Sinn, der von unserer Lehrerin oft zitierten Worte: „Das wirkliche Üben beginnt erst jenseits des Kissens“, zu verstehen ...Der „Achtfache Pfad“ und insbesondere das Praktizieren der Achtsamkeit, ist bis heute der wichtigste und schönste Grund meiner täglichen Übung geblieben.
Nach einem schweren Verlusterlebnis wurde dieses Kissen zu einem Platz der Sicherheit, der einzige Ort - wie mir schien - an dem ich vor weiteren Erschütterungen verschont bleiben würde. Für eine gewisse Zeit war dies auch mit meinem Üben aufrecht zu halten.
Doch das „Zurückkehren“ in das Leben - das nie mehr das von zuvor sein wird - zeigt sich inzwischen wieder von seinen mehr und auch weniger erfreulichen Seiten.
Mein momentanes Üben besteht darin, jeder Tag mit Neugier zu begrüßen, ich versuche die Dinge anzunehmen, wie sie kommen – auch jene, die mir unlieb sind.Ich gehe Schritte nach vorne und dann auch wieder welche zurück ... mache die Erfahrung, dass ich an den unliebsamen Situationen erkennen kann, wo ich gerade mit meiner Übung stehe. Das erlebe ich mitunter sehr als sehr spannend, vor allem, wenn ich bereit bin, hinter die Dinge zu schauen, sie mit Abstand zu betrachten, sie nicht persönlich zu nehmen. Auch dafür übe ich.
Mein Vertrauen in die Sangha, das gemeinsame Sitzen und das damit verbundene Wohlgefühl von Körper und Geist ist es, was mein Üben aufrecht hält ... und für dieses Geschenk empfinde ich große Dankbarkeit. Immer wieder aufs Neue.

C.
Wieso praktiziere ich? Ich weiss es nicht.
Ich habe keine konkrete Erwartung, kein Ziel. Ich habe keinen Glauben, keine Gewissheit. Aber eine Hoffnung , die Hoffnung, dass mich die Übung auf einen guten,heilsamen Weg führe. Trotz aller Rückschläge, Enttäuschungen, Frustrationen habe ich weiterhin Vertrauen in die Übung. Vertrauen darauf, dass sie mich auf
meinen Weg führen werde. Dieser Weg kommt nicht an ein Ziel, es geht weiter und weiter, bis zum Tod - und wohl auch über den Tod hinaus. Der Tod ist nur ein Übergang.
Ich lausche an einem milden Sommerabend dem Gesang einer Amsel. Ich spiele eine Fuge von Bach oder eine Sonate von Mozart. Ich sitze in der Abenddämmerung bei einer Kanne Tees und blicke hinaus in den Garten. Ich trauere um meine Frau. Ich fühle mich geborgen inmitten meiner Familie in Indien. Ich blicke voller Freude auf die ersten Frühlingsblüten in meinem Garten. Ich musiziere intensiv mit meinen Freunden. Ich sehne mich nach meiner Frau. Ich geniesse die Stille und den Frieden der Sangha. Ich sitze um Mitternacht in Zazen. Nichts Besonderes.
Auch heute begreife ich es nicht ganz, wieso ich übe. Es sind vielleicht diese Momente, in denen ich spüre, das es weit in mir wird, und das ist mir Grund genug, um immer wieder damit zu beginnen.

D.
„Wieso übe ich“, die Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil ich es manchmal selbst nicht so genau weiß. Ich übe um zur Ruhe zu kommen, um meine Gedanken im Zaum zu halten, weil ich die Sangha mag, aus Gewohnheit, weil mir sonst was fehlt und beim Sitzen mein Pulsschlag runtergeht. Es gehört einfach zu meinem Alltag dazu.

E.
Die Frage erinnert mich an die klassische Frage nach "dem Sinn des Lebens", und wenn ich es recht bedenke, sind beide Fragen wohl die Seiten einer Medaille.
Schon als Jugendlicher war ich an Meditation interessiert, damals aber eher auf der Ebene geheimnisvoller Faszination. Ein paar Jahrzehnte und viele Erfahrungen später erwachte das Interesse an Meditation erneut und damit auch am Buddhismus. Nach einer Orientierungsreise durch die buddhistischen Richtungen bin ich dann letztendlich beim Zen (vielleicht gerade wegen seiner schlichten Schmucklosigkeit) angelangt.
Ich übe, weil ich die Übung einfach als richtig empfinde, weil ich ohne Übung schlechter klar komme, weil ich hoffe, meine Umwelt ein wenig vor mir zu retten, weil ich hoffe, noch etwas mehr Klarheit zu gewinnen,
...weil mir die Absichtslosigkeit beim Sitzen so gefällt :-)

F.
"Ich habe mich immer für einen Menschen gehalten, der es in der Regel schafft, sich auch den nötigen beruflichen Abstand im Privaten erhalten zu können und dadurch mental relativ ausgeglichen zu sein. Vor einigen Jahren haben dann die Kopfschmerzen angefangen, in "Spitzenzeiten" hatte ich ein- bis zweimal pro Monat Migräneanfälle, die teilweise bis zu fünf Tagen anhielten. Bezeichnenderweise waren diese stets spätestens zu Ferienbeginn schlagartig vorbei... Mit den Jahren habe ich auch immer mehr das Gefühl, dass meine Entspannungs-"Strategien" (möglichst alles woran ich denken muss, auf kleine Merkzettel schreiben, um den Kopf frei zu halten / sofort zum Ferienbeginn verreisen, um räumlichen Abstand zum Berufsalltag zu gewinnen und keine Möglichkeit zu haben, sich mit beruflichen Dingen zu beschäftigen...) immer weniger helfen, im Alltag innerlich zur Ruhe zu kommen.
Ohne dass ich mich bisher besonders damit beschäftigt habe, hat mich das Meditieren allgemein schon länger fasziniert. Warum- das ist für mich im Moment noch schwer zu begreifen. Wahrscheinlich entspricht es einfach auch meiner Mentalität, da es mir sehr pragmatisch und schlicht erscheint.

G.
Ich kam durch einen Volkshochschulkurs mit der Übung des Zazen in Berührung. Als ich das Sitzen und das Atem-Zählen ausprobierte, bemerkte ich, dass das gar nicht ich bin, die darüber bestimmte, was in mir vorging. Es denkt beliebig, was es will. Es fühlt, was es will. Es bewertet. Es verurteilt. Der Geist springt unkontrolliert herum: Affengeist! Meine einzige Möglichkeit meinen Geist zu beobachten (zu studieren), ist die Übung.Darum übe ich, darum sitze ich, immer wieder.

H.
Während meiner Suche, mir selbst auf die Schliche zu kommen, habe ich immer wieder Meditation als wertvolle Unterstützung erlebt. Sie ist mir dann in der Form des Zazen vor mehr als 12 Jahren eher zufällig begegnet und ich sehe sie heute als das Herz bzw. Kernstück auf meinem –vielfältigen- Weg der Achtsamkeitsübung. Einmal begonnen, gibt es für mich trotz aller Hindernisse und Beschwerden kein Zurück mehr, sondern allenfalls mal eine Seitwärtsbewegung oder ein „Auf-der-Stelle-treten“. Die Unterstützung innerhalb unserer Sangha ist mir dabei eine weitere unermessliche Hilfe.

I.
Auf Zen und die entsprechende Literatur bin ich als Student, wie das dann halt so ist in den 70’ern gestoßen; habe damals im Sitzen gelesen aber nicht gesessen - studentische Umtriebe halt.
Nachdem ich mich langsam aus dem Berufsleben verabschiede, habe ich ein bisschen mehr Zeit für mich und betreibe seit ca. 3 Jahren Joga. Durch die damit verbundenen Entspannungs- und Meditationsübungen habe ich mich, bestimmt auch durch Dein Kursangebot in der Betriebsanleitung der VHS, an Zen erinnert.
Nach kurzer Lektüre ist klar, dass es ohne Sitzen nicht geht und Zazen der zentrale Bestandteil des Zen ist. Der Gedanke sich durch Zazen einen klaren Kopf zu verschaffen ist mehr als reizvoll. Loslassen aller Begehrlichkeiten, Befreiung vom Konsumterror, Besinnen auf das eigene Dasein und letztendlich die Aussicht das eigene Selbst zu erfahren, sind Ziele für die es sich lohnt, gegen die Wand zu starren.


sky


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Patacara

Patacara ist eine prominente Figur im frühen Buddhismus. Sie lebte im sechsten Jahrhundert v.u.Z. und entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Savatthi, das im Königreich von Kosala lag.
Der Pali-Kanon beschreibt sie als eine der Schülerinnen Buddhas, die sich ausführlich mit dem Vinaya beschäftigte, einer Sammlung buddhistischer Ordensregeln, die zu Zeiten des Buddhas entstand.
Um ihr Leben, bevor sie dem Buddha begegnete, rankt sich eine Anekdote, die sie in kurzer Zeit den Tod ihres Ehemannes, ihrer beiden kleinen Söhne, ihres Bruders und ihrer Eltern erfahren lässt.
Verstört vor Schmerz und Trauer wanderte sie nackt umher, bis sie an einem Ort ankam, an dem der Buddha lehrte. Seine Mönche wollten sie wegschicken, aber der Buddha meinte:
„Schwester, komm zu Dir“.
Sodann wurde ihr bewusst, dass sie nackt war. Jemand schenkte ihr einen Umhang, dann berichtete sie dem Buddha von ihren Tragödien und bat ihn um Hilfe.
Der Buddha sagte: „Ich kann Dir nicht helfen. Zahllose Leben hindurch hast Du Deine Liebsten beweint. Deine Tränen füllen die vier Ozeane. Aber niemand kann sich ein Versteck vor dem Leiden sichern. Ein weiser Mensch erkennt dies und geht den Weg des Erwachens.“
Seine Worte beruhigten sie. Patacara schloss sich seiner Sangha an.

Es ist bemerkenswert, dass der Buddha als spiritueller Lehrer zu jemandem in großer Not als erstes sagt, er könne hier leider nicht helfen.
Radikaler kann er nicht sagen, wohin die Richtung deutet: nicht nach „außen“ - dorthin, wo es vieles gibt, was anzuschuldigen wäre. Die Sturmflut, die Schlange, das Feuer, den Adler. Unseren Chef, unser Wetter, den Verkehr, unsere Kindheit, unsere Eltern. Es ist endlos.
Radikaler kann er auch nicht sagen, dass wir in einer Opferrolle immer leiden werden. Wir jedoch, und auch das deutet er in seinen kurzen Sätzen so wunderbar an, sind weitaus mehr als unsere Trauer, unsere Geschichte, unsere „Gene“. Und wir haben ein unschätzbares Pfand, das in der Lage ist, unsere Sichtweise zu verändern: unsere Geistesgegenwart.
Deutlicher kann er auch nicht sagen, was wir oft nicht hören möchten: die erste der Edlen Wahrheiten - im Leben ist Leiden.
Im Leben ist auch vieles andere, aber Leiden ist ein unübersehbarer Teil des Ganzen. Wenn wir das annehmen könnten, bräuchten wir uns nicht widersetzen, müssten uns nicht länger als Opfer fühlen und könnten all die hierfür aufgewandte Energie in etwas Kreativeres stecken - zum Beispiel der Praxis des Dharmas.
Aber die Episode ist vielleicht auch wegen Patacaras Reaktion überliefert worden: seine Worte beruhigten sie. Da strandet sie vor ihm, verrückt vor Schmerz, vollkommen vulnerabel, nackt, bittet innständig um Hilfe und dieser große Lehrer antwortet, er könne nicht helfen.
Und sie ist beruhigt?
Sie ist beruhigt, weil sie die Wahrheit hört: das Leben ist vergänglich. Niemand kann ihr helfen außer sie selbst.

Wenn wir Wahres hören, werden wir verändert. Diese Wahrheit, sie kommt nicht wirklich „von außen“. Sie bringt etwas in uns zum Schwingen. Sie erzeugt ein Echo. Sie bestätigt eine heimliche Vermutung. Weil etwas gesagt wurde, das uns bekannt vorkommt und das schon sehr lange tief innen in uns schlummert. Und das nunmehr gehört und angeschaut wurde. Weil wir damit eine Verknüpfung wiederherstellen, die irgendwann durchtrennt wurde: zu uns selbst und zu jenen vermeintlichen Tätern „da draußen“. Weil wir hiermit wieder ein Stück mehr wir selbst geworden sind.
Und das ist überaus beruhigend.

Gassho, Juen


buidl











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