Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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May 2014

Vier Flügel

Die aus der tibetischen Tradition stammende Lehrerin Pema Chödrön nennt vier wesentliche Voraussetzungen, um wach und frei zu werden:

1. meinen Geist stabilisieren
2. mich mir selbst zum Freund machen
3. mich von meinem starren Geist befreien
4. mich um andere kümmern.

Meinen Geist stabilisieren.

Meinen Geist, meinen Kopf beruhigen, ihn erden. Ihn nicht abschweifen lassen. Still sein und zuhören, was jetzt gerade ist. Mich nicht von meinen Gewohnheitsenergien überrollen zu lassen, meinen ewig gleichen Mustern.
Sondern aufmerksam wahrnehmen, was jetzt gerade geschieht: in meinem Körper, in meinen Gedanken. Meistens scheint so ziemlich alles besser zu sein, als das, was gerade vor uns liegt. Wir schauen nach außen, um zu erfahren, wie es uns geht, wie wir sind, wer wir sind.
Den Geist zu stabilisieren bedeutet, die Richtung nach innen zu lenken. Hier findet es statt, unser Leben. „Dort draußen“ ist nur eine Projektion dessen.
Unsere Wahrnehmung (und deren Filter) bestimmen unsere Welt. Wir sind, was wir sehen. Wir sind, wie wir sehen. Beides können wir heilsam beeinflussen, in dem wir uns nicht von „den Dingen“ hin- und her werfen lassen, sondern indem wir uns auf das einzige konzentrieren, was wir „haben“ und wirklich „wissen“: uns selbst.

Diese nicht leichte Aufgabe üben wir mit jeder Meditationseinheit. Wir halten ihn so still als möglich, unseren Kopf, unseren Körper.
Wir weichen nicht ab, wir versuchen, nicht hinweg zu sehen. Wir bleiben.
Und sollten wir uns in den Wogen verlieren, so bringt uns unser Atem als ewig verlässlicher Freund wieder zurück: in die Stille. Unser Atem führt uns zurück in die Sicherheit einer zunehmenden inneren Ruhe, welche die sowohl beruhigendste als auch wendigste Stabilität darstellt, die wir in unserem Leben je erfahren werden können.

Sturm
die ganze Nacht
nahezu reglos
inmitten der heischenden Wolken
die alte Eiche
am See.



Mich mir selbst zum Freund machen.

Indem wir unseren Kopf zur Ruhe bringen, werden wir uns unserer selbst mehr gewahr, auch der Züge unserer selbst, die wir nicht mögen: … unser Zynismus, unsere Selbstverliebtheit, unser Geiz, unsere Angst vor dem alleine sein. Wir neigen dazu, diese Eigenschaften zu verdrängen, die wir oft auch noch uns selbst gegenüber maskieren und die somit erst in dem mühsamen Vorgang der regelmäßigen Meditation frei gelegt werden. Das „verstecken wir lieber“ und hoffen, dass wir somit möglichst unbemerkt durchkommen. Mit anderen können wir weitaus gütiger sein. Wenn wir unsere Freunde betrachten, so sind oft gerade deren Besonderheiten das, was wir an ihnen mögen und ihre charakterlichen Schwächen, die wir in den jeweiligen Situationen gut erkennen und abfedern können. Unser Partner hat eine Schwäche für …Sahnetorten und Fast Food - wir schmunzeln darüber, wenn wir die Chipstüten unter dem Autositz finden.
Bei uns selbst? Kein Eisbecher ohne schlechtes Gewissen und den guten Vorsatz, endlich etwas für unsere Fitness zu tun. Selbst dieses einfache Beispiel zeigt uns unsere Tendenz auf, viele unserer scheinbaren Schwächen gnadenlos zu beurteilen - was sich auch in Form einer tiefen Resignation äußern kann.
Bedingungslose Liebe zu uns selbst - wie die Offenheit des Herzens, die wir einem kleinen Hund, einem Kind gegenüber haben, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, wird uns helfen, Aspekte unserer selbst zu betrachten, die wir nicht mögen, die Heilung und Verwandlung benötigen. Hierbei geht es nicht darum, aus einem „schlechten“ einen „guten“ Menschen zu machen, sondern uns selbst weniger Schaden zuzufügen.
Wir können in einer bestimmten Situation einfach kein Mitgefühl aufbringen? Wir lächeln die Person in uns an, die gerade verbittert ist. Wir toben innerlich und wiederholen eine bestimmte Situation andauernd aufs Neue? Wir bieten dem wütenden Teil in uns eine Tasse Tee an.
Mich mir selbst zum Freund zu machen, bedeutet auch, mich nicht durch fortwährende Selbstbestrafung zu verletzen, selbst wenn ich mich gerade „vollkommen daneben“ benommen habe. Es bedeutet, mich so sehr zu mögen, dass ich alles tun werde, um nicht länger zu leiden.


Mich von meinem starren Geist befreien.

Wir neigen dazu, etwas „so“ oder „so“ zu finden. Ganz selten finden wir etwas „heute so“, aber „morgen so“. Das ist verständlich, denn unser armer Kopf versucht, aus der Fülle der tagtäglich einströmenden Eindrücke ein „Schema“ zu erkennen, auf welches wir uns verlassen können, mit dem wir uns sicher fühlen können. Doch leider folgt unser Leben sehr oft nicht den innerlich vorgeplanten Pfaden. Auch darum ist Zen dem wahren Leben so nahe: es wimmelt in unserer Praxis von Gegensätzen, von paradoxen Sätzen, von scheinbaren Widersprüchen. Je weniger wir mit einer vorgefertigten Meinung in eine Situation gehen, je weniger wir den kleinsten Beginn einer Bewegung als bekannt ablegen, bevor wir überhaupt deren endgültige Ausrichtung erkennen können, desto weniger werden wir leiden. Oder: je mehr wir einen Raum zulassen, der sich ganz von selbst mit dem Leben füllen wird und der uns dazu einlädt, unsere Erfahrungen mit ihm zu machen, desto zufriedener werden wir uns fühlen.


Mich um andere kümmern.

Oftmals werden wir gefragt: wie kannst Du das aushalten - Trägheit, Furcht - die Abendnachrichten, die Katastrophen, als Bodhisattva? Wir möchten uns verschließen, uns ablenken, nicht hinhören - eine gesunde körperliche Reaktion. Der Kopf weiß, wann es genug ist.

In unserem Herzen aber tragen wir die tiefe Sehnsucht danach, offen zu sein für uns selbst und das Leiden anderer. Wir möchten mit allen sein.
Wir möchten alles aufnehmen und durch uns fließen lassen. Wir möchten neben uns auch andere so mögen, dass wir alle gemeinsam nicht mehr leiden, sondern stattdessen Dinge schaffen, die allen gut tun, die hilfreich sind und friedvoll. Die weder ein Gegenüber kennen noch ein Prinzip, sondern immer auch beide Seiten des Ufers. Die unsere schöne Erde gesunden lassen und bewahren.


der Fliegenflieger

tsstsstss
die Stubenfliege
testet den Ernstfall
in meinem Ohr
tsstsstss
ich höre Dich!
tsstsstss
nun komm schon
tsstsstss
ohneinohnein

verbeugen
aufstehen
einladen
der Fliegenbus
die große Weite
für beide



Gassho, Juen

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