Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Nov 2010

Suzuki's Zen

Unser Sangha-Tag November war dem Aufenthalt in San Francisco/Berkeley und dem „Zen Translation Forum“ gewidmet. Nach etwa drei Stunden Zazen beendeten wir den formalen Teil und widmeten uns bei Tee, „blue-“ bzw. „cholocate-“ Chips, unseren Erlebnissen, die von Nanzan in eine musikalisch untermalte Bildergalerie verwandelt worden war. Der Abend endete zu den Klängen der „Old songs from the Southern School“. Eine Reise endet. Eine neue beginnt. Vielen Dank für Euer Zazen, Euer Kommen, Hören und Lauschen.

Gassho, Juen



Der Besuch in San Francisco führte uns zunächst in die zentral gelegene Page Street zum „City Center“. Das ältere Haus im sympathischen Neuengland-Stil entpuppt sich innen als überaus geräumiges, aus insgesamt drei Stockwerken bestehendes Gebäude, in dem etwa fünfzig Zen-Übende sowie mehrere Lehrer wohnen.
Im Erdgeschoß befindet sich neben einem Buchladen auch ein römisch anmutender Innenhof, der von einem Säulengang gesäumt wird. Überall im Haus trifft man auf Spuren von Shunryu Suzuki in Form von Portraits, Kalligraphien oder Photos. Das Haus, eine ehemalige Schule, wirkt trotz seiner Weitläufigkeit wohnlich, westlich, mit seinen vielen Sitzgelegenheiten und dekorativen Ecken zum Verweilen beinahe gemütlich. Die in mehr als vierzig Jahren erworbene Sitzenergie bleibt spürbar, selbst bei einer gewissen Geschäftigkeit, die dieses Haus zu bewohnen scheint.


Trotz der zahllosen antiken Raritäten und großformatiger Bilder wirkt der Gemeinschaftsbereich schlicht. Sein Essen schöpft man sich aus riesigen Töpfen, die auf einem Herd, der beinahe so groß ist wie die gesamte Küche in Lindau, bereit gestellt werden.
Im City Center lehren etwa 5-6 Zen-Lehrer, jetziger Abt ist der aus Irland stammende Paul Haller. Unser Eindruck bestätigte, was wir bereits von der Website erfahren hatten: hier finden eine Vielzahl von Kursangeboten statt, die von engagiertem Buddhismus mit lokaler Sozialarbeit über Möglichkeiten zum künstlerischen Ausdruck bis zu Textstudium reichen.
Etwa fünfzig Minuten weiter nördlich liegt Green Gulch Farm, die dem Zen Center von einem Amerikaner vor ein paar Jahrzehnten zur Verfügung gestellt wurde.
Auch das, wie so vieles, was wir gesehen haben, konnte nur auf dem Boden einer beeindruckenden Spendenbereitschaft für das Dharma geschehen. Überall befinden sich Dana-Behälter und im Laufe des Dogen-Wochenendes wurde der spirituelle Leiter, Steve Stücky, nicht müde daran zu erinnern, dass die Eintrittsgebühr Flugkosten, Unterkunft und abendliches Essen für die Vortragenden nicht abdecken können. Spontan spendete eine ältere Dame 500 Dollar für die Premiere der „Livestream“-Übertragung, eine weitere 3000 Dollar für eine Kalligrafie von Kaz, welche sie wiederum dem Zen Center spendete.
Mahlzeiten oder Pausenverpflegung waren für die Teilnehmer unentgeltlich, mit überall gut sichtbaren Spendenboxen vom Ausmaß einer Schatztruhe. Wiederholt wurde an die „Wunschlisten“ erinnert - im Klostermagazin und an bestimmten Informationsständen ausgehängte Listen von Dingen, die benötigt werden.

Das Wochenende wurde von insgesamt 12 freiwilligen Helferinnen und Helfern unterstützt. Die nebenbei entstandene Begleit-DVD zum Film über Dogen wurde ebenfalls von freiwilligen Kameraleuten durchgeführt.


Zen ist angekommen in diesem reich beschenkten Staat am Pazifik.
Ein paar Mal wurden wir in Geschäften nach dem Grund unserer Reise gefragt und erhielten neugierige und überwiegend freundliche, teilweise auch recht kenntnisreiche Fragen über unsere Übung.
Ausnahmesituation oder Vorbote für die Entwicklung bei uns in den kommenden zehn, zwanzig Jahren?
Kaz berichtete, dass damals, vor etwa fünfunddreißig Jahren, alle Welt ihn davon abhalten wollte, Dogen zu übersetzen: zu schwer, zu lang und außerdem: gab es bereits zwei veröffentlichte Ausgaben.
Er hat nie an der Sinnhaftigkeit seines Unterfangens gezweifelt, ebensowenig die Verantwortlichen des San Francisco Zen Centers, die ihm dabei finanzielle Unterstützung über mehr als eine Generation hinweg zugesagt haben. Vielleicht auch deswegen sein kontinuierliches Bemühen um eine Fortsetzung der bisherigen Übersetzungen Dogens ins Deutsche.

Wir waren zu kurz dort, um tiefere Einblicke in die Strukturen und Umgangsweisen miteinander zu haben. Nach der durch den Nachfolger von Shunryu Suzuki verursachten Erschütterung hat sich das Zen-Center neu strukturiert, die jeweiligen Äbte (vier insgesamt) werden für einen befristeten Zeitraum gewählt, in insgesamt über neunzig Gremien werden Entscheidungen gemeinsam getroffen. Es hat den Anschein, als ob für etwaige Unebenheiten, zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler, ein Forum besteht, in dem diese Dinge gegebenenfalls offen angesprochen werden können. Trotz der Kürze der Zeit und der gewissen Ausnahmesituation, die bei größeren Ereignissen dieser Art immer entsteht, waren wir überrascht durch die freundliche und offene Art, mit der auch die Lehrer uns gegenüber traten. Alan Senauke, Vize-Abt des Berkeley Zen-Centers und langjähriger Präsident des von Robert und Anne Aitken 1978 auf Hawaii gegründeten Buddhist Peace Fellowship, beschreibt Shunryu Suzuki so: „He was just somone you loved to be with“. Das ist bis heute spürbar und ein lebendiges Beispiel dafür, was gutes Karma vermag.

Die Green Gulch Farm besteht aus mehreren Gebäudekomplexen:
- einem wunderschönen Zendo, das seinen rustikalen Charakter durch die freiliegenden alten Holzbalken unterstreicht, umsäumt von einer breiten Veranda, die auch für Kinhin genützt wird.
- einem Teehaus, nach japanischen Vorgaben erbaut und von einem japanischen Garten umgeben.
- einem Konferenzgebäude, Essensräumen, Hauswirtschaft und der Küche.
- Bibliothek, kleinem Laden und der „Wolkenhalle“ für die Bewohnerinnen und Bewohner sowie kleineren anliegenden Bereichen für die Lehrer.
- sowie einem weitläufigem Gärtnereibetrieb, der als einer der ersten ökologische Landwirtschaft anbot, vor allem Gemüse. In einer stillen Ecke befindet sich ein Erinnerungsgarten.

Von den Gärten und Anbaugebieten führt ein Pfad durch Seegrasfelder und Dünen zum Strand, wo der Pazifik seine kräftigen Wellen an dunklen Felsen auslaufen lässt.

Ein Mal im Monat findet zu Beginn des Dharma-Vortrages eine Viertelstunde lang Austausch mit den kleinen Buddhas statt - Kindern-, an diesem Sonntag zwischen fünf und zehn Jahre alt. Still lauschen sie dem fremdländischen Herrn mit seinem langen Bart, der ihnen die Kunst des Gemüse-Einmachens näher bringt und zum Schluss empfiehlt, die neue Ausgabe des Shobogenzo zum Beschweren der Einmachgläser zu benutzen.
Verdutzt verlassen die Kleinen den Raum...

Neben diesen beiden gehört noch das in den kalifornischen Bergen gelegene Kloster Tassajara zum Komplex des Zen Centers. An der Stelle, an der bereits die Ureinwohner Amerikas wegen der heißen Quellen zusammenkamen, gründete Shunryu Suzuki 1967 das erste Zen-Kloster außerhalb Asiens. Neben den zwei intensiven Übungseinheiten im Herbst/Winter (von Ende September bis Mitte April) und einer Arbeitseinheit von etwa einem Monat lebt Tassajara von seiner Sommerperiode, in der es für alle Besucher öffnet, die das berühmt gute Essen, die schöne Natur und den Badebereich genießen möchten. Daneben besteht ein reiches Angebot in Zen, Yoga, Kreativität und Achtsamkeitstraining.

Das San Francisco Zen Center hat zahlreiche angegliederte Gruppen. Die Spannbreite reicht von etablierten Zentren mit eigenem Lehrer vor Ort bis hin zu Sitzgruppen, die Schülerinnen und Schüler gegründet haben und wo man ein Mal pro Woche zum Zazen zusammenkommt.
Eines der etabliertesten Zentren darunter ist das Berkeley Zen Center, welches 1967 von Shunryu Suzuki mit Hilfe seines damaligen Schülers Mel Weitsman gegründet wurde, dem heutigen Abt. Das Berkeley Zen Center liegt mitten in einem Wohngebiet und ist von außen kaum als solches zu erkennen. Durch einen schmalen Gang betritt man einen kleinen Innenhof, um den insgesamt vier Gebäude gruppiert sind, in denen etwa zehn Zen-Übende sowie ein Zen-Lehrer mit seiner Familie wohnen. Das Zendo ist etwas höher gelegen, besteht aus viel Holz, wirkt nicht so beeindruckend wie die oben erwähnten, dafür aber umso überschaubarer.

Damit nicht genug... hatte das Zen Center Anfang der siebziger Jahre die Idee zu „Greens“ - (Grünzeug) - dem zuvor erwähnten Restaurant, das sich in einer Lagerhalle mit Blick auf die Golden Gate Brücke befindet. Sie bestand damals darin, das Zen Center finanziell zu unterstützen und durch gute, gesunde Kost die Übung einem breiteren Publikum näher zu bringen. Was wäre hierfür besser geeignet als unser Gaumen? Edward Espe Brown („How to cook your life“) verhalf mit seinen inzwischen zu Klassikern avancierten Kochbüchern nicht nur Tassajara zur Eröffnung einer Bäckerei in San Francisco, sondern machte auch Zen einem breiteren Publikum bekannt. Die Verbindung zwischen dem Zen Center und dem Restaurant ist bis heute vorhanden, wenngleich keine Mönche mehr dort kochen.


Am Abend nach unserer Rückkehr kamen wir zu Rezitationstraining und unserem Donnerstags-Zazen zusammen. Draußen stürmte es, drinnen gutes Sitzen, unisones und kraftvolles Singen - kein besserer Ort, nirgends!

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