Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Nov 2011

Mond im Westen

So leise wie möglich verlassen wir das kleine Haus mit den tiefblauen Stufen. Draußen weht ein frischer Wind, es riecht nach Regen. Ich bekomme ein wenig Heimweh. Vorbei an Persimonenbäumen, Passionsfrüchten und hohen Zedern gehen wir schnellen Schrittes die noch im Halbdunkel liegenden Straßen entlang. In der Ferne hört man das rhythmische Tuten des Fernzuges nach Vancouver. Auf der breiten Einfallstrasse kommt uns ein alter Mann entgegen. Auf seinem Rücken türmen sich riesige Berge, in denen gesammelte Plastikflaschen stecken, die er in den letzten Stunden aus den Mülltonnen geholt hat. Ein wenig Recycling für ein warmes Essen. Alltag in Berkeley, der sympathischen Studentenstadt auf der anderen Wasserseite von San Francisco.

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Ein unscheinbares Tor mit dem gerade noch erkennbaren Hinweisschild in einer von hohen Bäumen gesäumten Wohngegend - mehr ist es nicht, das auf dieses 1967 von Shunryu Suzuki Roshi gegründete Zen Center hinweist. Prägnant, doch leise klingen die Takkus durch die überwiegend noch dunklen alten Häuser und ihre üppigen Gärten. Gerade noch kann ich die Umrisse einer Jizo-Figur an einer Steinbank erkennen. Plötzlich geht im Raum darüber das Licht an und wirft im hohen Bogen einen Strahl wie eine Brücke zwischen beiden Gebäuden auf die Efeu-umrankte Hauswand. Bald darauf wird das Zendo geöffnet. Wir betreten den schönen Raum mit seinen warmen Holztönen und schwingen uns auf die Tan. Nach und nach kommen die anderen, bis der Raum mit zehn bis fünfzehn Menschen gefüllt ist. Teilweise leben sie in den Wohnungen des Zentrums, teilweise kommen sie aus der Umgebung. Allen ist gemeinsam, dass sie nach Ende des Zazens, das von einer kurzen Einheit Samu abgelöst wird, ihrem Broterwerb nachgehen werden. Einige von ihnen sind bereits seit über dreißig Jahren aktiv dabei. Der erste Gong. Langsam versinken die Geräusche der aufwachenden Stadt in der sich ausbreitenden Stille.

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An diesem Sonntagabend ist der Gemeinschaftsraum des Zen Centers gut gefüllt. Alan Senauke berichtet über seine kürzliche Reise nach Indien und insbesondere über seinen Abstecher nach Burma. Alan hatte Burma zuletzt 2009 besucht und zeigte sich angenehm überrascht über den vormals eher verlassen wirkenden Flughafen, der jetzt deutlich belebter wirkte, die verbesserten Straßenverhältnisse, Renovierungsarbeiten an Gebäuden und die größere Auswahl an Waren.
Alan hat sich mit vielen Menschen unterhalten können: ehemaligen Gefangenen, Mönchen, Politikern, Sozial- und Friedensarbeitern. Alle hatten den gleichen Eindruck: im Moment herrscht eine Klimaveränderung, die lange auf sich warten ließ. Vorsichtiger Optimismus scheint angebracht zu sein in einem Land, das die letzten Jahrzehnte unter dem strikten Joch einer Militärjunta verbracht hat. Natürlich ist Skepsis geboten, zu frisch sind die Gewalttaten der vergangenen Jahre im Gedächtnis der Menschen, insbesondere die gewaltsame Beendigung der „Saffranrevolution“, bei der viele Mönche getötet wurden. Immer noch ist von über 2000 politischen Gefangenen die Rede, immer noch gibt es kriegerische Auseinandersetzungen in Grenzgebieten, zum Beispiel im Norden.
Burma, dieses zutiefst buddhistische Land, findet sich im Zuge der zunehmenden Öffnung seiner Märkte zwischen den beiden Großmächten China und Indien. So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass President Obama Anfang November von „hoffnungsvollem Flackern an Fortschritt“ spricht und demnächst seine Außenministerin nach Burma entsenden wird, was die letzten 50 Jahre nicht vorgekommen ist. Ein Treffen mit Aung San Suu Kyi, der charismatischen Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin von 1991, ist geplant. Zum Abschluss zeigt uns Alan Bilder von Fischern auf dem von hohen Bergen umgebenen Inle-See im Morgengrauen.

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Montagmorgen an der U-Bahn Station in Berkeley. Noch sind alle Parkplätze leer. Am Fahrkartenschalter bettelt jemand um Essen. Es riecht nach Putzmittel, frischem Kaffee und Urin. Wenig später empfängt uns die Stadtmitte mit ihrem gerade beginnenden Berufsverkehr. Wir gehen die breiten Straßen Richtung Westen, vorbei an glitzernden Hochhausfassaden, vor deren vergitterten Eingängen Menschen, die niemals in diese Hallen vorgelassen werden, ihr mageres Konto eröffnet haben: einige Plastiktüten, ein paar alte Decken, bemalte Pappe und Zeitungen, ein löchriger Eimer. Jemand liegt mitten auf dem Bürgersteig, ohne Unterlage oder Zudecke. Zwei Schritte weiter bildet sich eine Busschlange. Die Menschen reihen sich ein, telefonieren oder lesen Zeitung. Ein kleiner Junge hüpft über den schlafenden Körper.

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Den Geruch der Extreme noch im Nacken betreten wir die weitläufige Halle der Page Street. Durch den Säulengang stiebt Frühlingsgrün vom üppigen Innenhof auf die alten Dielen. Aus der Dunkelheit des langen Ganges löst sich ein Schatten. Zenkei Blanche Hartman Roshi kommt auf uns zu. Lächelnd verbeugen wir uns.

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Später werden wir bei Ingwertee ein langes Gespräch führen, in jenem Raum, in dem bereits Shunryu Suzuki saß. Ihr Leben, ihre Übung, ihr Vermächtnis. Staunend betrachte ich diese Hände und ihre Gestalt, welche 45 Jahre intensiver Übung haben leicht werden lassen. „Oh, my arthritis“, sagt sie, lächelt amüsiert und kommt auf die Jahre zu sprechen, in der sie Äbtissin des Zen Centers war - als erste Frau in dieser Position. Gemeinsam gehen wir, an Suzukis Bild vorbei, zurück in den Eingang. Wir verbeugen uns. Danach eine Umarmung, die mich zu Tränen rührt. Jahre später finden wir uns auf den Eingangsstufen wieder. Die schöne Holztüre hat sie fest hinter sich zugezogen. Kein Laut dringt nach außen.
Im kleinen Vorgarten wetteifern Ahornbäume in Rot. Strahlend leuchten sie uns den Weg hinunter zum Wasser.

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Gassho,
Juen
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Wolke oder Wasser?

Am letzten Sanghatag haben wir uns noch einmal mit dem ersten Abschnitt des Satipatthana-Sutras beschäftigt, welches die besondere Achtsamkeit gegenüber dem Körper betont.
Jede Meditation in allen Traditionen beginnt mit dem Körper. Während uns zum Beispiel unsere Wahrnehmung sagt „was ich bin“, unser Gefühle sagen „wie ich bin“, gibt uns unser Körper darüber Aufschluss „wo ich bin“. Die Betonung des Körpers als erstem Ausgangspunkt aller meditativen Übungsformen liegt auch darin begründet, dass unsere Körper sich immer im gegenwärtigen Augenblick befinden. Ohne zumindest eine gewisse Präsenz ihm gegenüber, seinem Innenleben, seinem Verhältnis zum Raum und der Außenwelt insgesamt, seinem Wandel, wird unser Zazen, wird unser Bewusstsein, nicht wirklich leicht und frei werden können.
Im Satipatthana-Sutra beschreibt der Buddha zunächst die Konzentration auf den Atem und seine Dauer - ist er lang oder kurz? Hierzu benutzt er das Gleichnis vom Drechsler, der genau weiß, wann er eine kurze oder lange Drehung macht. Wenn wir dem Atem folgen, sind wir entspannt, sorglos. Getragen von unserem Atem können wir immer wieder zurückkehren und mit dem Leben, dem des jetzigen Momentes, erneut in Berührung kommen. Der Atem ist das Bindeglied zwischen Körper und Gedanken. Diese fragile und doch so beständige Säule vermag, was zahllose Therapeuten, Bücher und manchmal sogar die Musik nur mühevoll schaffen: uns auf einfache, schlichte und vor allem schnelle Art und Weise zu harmonisieren. Komplett. Eins mit dem Atem. Eins mit dem Körper. Eins.
Diese Einheit bildet eine Grundvoraussetzung für das, was der Buddha in den nächsten Schritten beschreibt: Kontakt zur Außenwelt. Hier angeführt durch Achtsamkeit im Bezug auf die Körperhaltungen, unser Tun, unsere einzelnen Körperteile.
Im vorletzten Teil wird dies in Form der Elemente in Beziehung zum Universum gesetzt: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Bewusstsein. Wo in meinem Körper spüre ich Festigkeit? Was in mir hat keine Form? Wo liegen die Energiezentren? Was in mir befindet sich in ständiger Bewegung? Und die Frage aller Fragen - ob fest oder flüssig, ob bewegt oder unbewegt: wer bin ich?

Der Gouverneur fragte den Zen-Lehrer Yakusan Igen: „Was ist der Weg?“
Yakusan deutete nach oben. Dann deutete er nach unten.
Der Gouverneur sagte: „Ich verstehe nicht“.
Yakusan sagte: „Wolken im Himmel, Wasser in einem Glas.“
Der Gouverneur verbeugte sich tief.


Gassho, Juen
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Vom Glück der Namenlosen

Schon oft haben wir uns in der Sangha über den Grund unterhalten, warum wir zusammenkommen, warum wir üben. Es ist gut, sich ab und an diese Frage zu stellen. Gründe ändern sich. Warum ich heute noch dabei bin, mag ganz andere Gründe haben, als die, wegen derer ich mich damals auf die Suche begeben habe. Wie lauteten diese damals, wie heute?

Erfüllt mein Sitzen, allein und in Gemeinschaft, noch meine aktuellen Beweggründe und wenn nicht, warum?
Macht mich meine Übung glücklich? Natürlich nicht. Zu zerstreut, zu steif, zu schmerzhaft, zu selten, zu unauffällig, zu schwer, zu laut, zu langweilig.
Machen mich meine Dharma-Schwestern und Brüder glücklich? Naja. Wäre ich lieber in einer anderen Sangha, an einem anderen Ort? Mit vielen Mitübenden, einem großen Zendo, neunzig Leuten für Rohatsu?

Und doch und doch. Vom Glück der Stille. Vom Glück des allwöchentlichen Wiedersehens zum Zazen. Vom Glück, unser aller Füße zu kennen. Vom Glück eines windstillen Abends im Herbst. Vom Glück einer schmerzfreien Viertelstunde Zazen. Vom Glück, auf mich selbst zu treffen. Vom Glück als der Erfahrung eines Zustandes, welcher immer dann eintritt, wenn ich vergesse habe, wer das ist, der ihn erfährt, wie dies jetzt heißt und wer wen glücklich machen soll.
Auch deswegen üben wir.

Gassho,
Juen

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Von der Sein-Zeit in der Neu-Zeit

Wir haben ein weiteres Kapitel aus dem Shobogenzo übersetzt: Uji - "Sein-Zeit". Jetzt. Jetzt und noch einmal: jetzt. In diesem Kapitel beschreibt Dogen, dass auch ein halber Augenblick, auch ein halber Kreis, ein runder Kreis, eine vollkommene Bewegung, ein perfekter Augenblick sein kann. Er enthebt uns somit dem Hechten nach der schöneren Welt andernorts, bietet uns Unabhängigkeit von unseren jeweiligen Umständen und entwirft ein sehr modernes Konzept zum Glücklichsein - jetzt.
Wo auch immer.

Gassho, Juen


Ein alter Buddha (Yaoshan) sagt:

Manchmal auf einem riesig hohen Berggipfel stehen.
Manchmal am Grund des tiefsten Meeresgrundes gehen.
Manchmal drei Köpfe und acht Arme sein,
Manchmal acht oder sechzehn Fuß sein.
Manchmal Stab und Wedel sein,
Manchmal Pfeiler oder Laterne sein.
Manchmal Maier und Schmidt sein.
Manchmal große Erde und leerer Himmel sein.

Dogen, Uji


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