Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Nov 2013

Vom mittleren Weg

An der Geschichte des Prinz Siddhartha ist vieles bemerkenswert. Selbst wenn wir sie nicht als durchgehende Symbolsprache betrachten, müssen wir zugeben, dass sehr viel zusammengekommen sein muss, bis der Impuls so stark wurde, sein Zuhause zu verlassen und sich aufzumachen.
Der zukünftige König der Shakyas verließ ein Umfeld, das keine materiellen Wünsche offen ließ, den jungen Sohn und seine Ehefrau.
Er verließ Sicherheit, Konstanz, die vielen Dinge, die unseren Alltag so angenehm erleichtern können, vertraute Gesichter, Freunde.
Er verließ auch sein Wertsystem, seinen Status, seine für ihn vorgesehene Zukunft.

Je weiter wir gehen, desto mehr werden die Dinge auch zum Symbol.
So könnten wir sagen: das ist erforderlich, wenn wir auf unserem Weg weitergehen möchten. Diese Anstrengung, dieser Sprung, diese Unsicherheit.
Ob das Leben innerhalb der Palastmauern wirklich die unerschütterliche Sicherheit darstellt, für die wir sie halten, ist hierbei eine interessante Überlegung.
Können wir uns vorstellen, unser gesamtes Erfahrungssystem umzukrempeln beziehungsweise es durch unser Zazen „upside down“ drehen zu lassen?
Ob wir es möchten oder nicht, dieser Vorgang wird unweigerlich in Gang gesetzt, wenn wir uns auf unser Kissen begeben, und zwar jedes Mal. Vorausgesetzt wir träumen uns nicht dahin.

Wir könnten die Geschichte des zukünftigen Buddhas auch betrachten unter dem Aspekt der Auslese von unbequemen Teilen innerhalb unseres Erlebens. Wir schließen aus, was schmerzlich, unangenehm, leidvoll, heikel für uns werden könnte. Und um gar nicht erst in eine Situation zu kommen, die eventuell eines unserer Mäuerchen ins Wanken bringen könnte, schalten wir lieber weit im Voraus um. An mangelnder Programmauswahl leiden wir heutzutage gewiss nicht.
Somit bringen wir uns nie in die Verlegenheit, wenigstens einen Teil der Strecke tatsächlich zu gehen. Somit bringen wir uns selbst darum, einen wichtigen Teil unseres Lebens zu leben, zu erfahren, auszuhalten, davon zu lernen.
Genau das tat der Begründer unserer Schule: er ging ganz nah heran. Er versuchte zu sehen, ohne zu blinzeln. Er leugnete nicht, was unmittelbar vor ihm lag. Er wischte nicht weg, er bleib aber auch nicht ausnehmend lange.
Er ging weiter.
Schliesslich blieb er sitzen, „49 Tage“ lang. Und gelobte, nicht eher aufzustehen, bis er Erwachen erlangt hatte. Erwachen bedeutet die Einsicht in sein(e) vergangenes(n) Leben, in Ursache und Wirkung (Karma) und die Vier Edlen Wahrheiten.
Diese Nacht, diese Dunkelheit dauerte lang.
In den schönen Beschreibungen der frühen Texte werden insbesondere seine Einsichten in die drei Geistesgifte (Gier, Hass und Unwissenheit) und ihre Herkunft beschrieben.
Der Buddha sah auch, dass er zahlreiche Vorgänger hatte und zahllose Nachfolger haben wird. Er erwachte alleine, aber er befand sich in einem Verbund.
Er würde später wieder und wieder lehren, dass jeder, der die nötige Anstrengung aufzubringen gewillt ist, ein Buddha werden kann.
Eine der Voraussetzungen hierfür ist der Wille zur Erkundung - der Natur unseres Seins, des Ich und Anderen, von Glück und Dukkha, das wir Leiden nennen.
Anuttara-samyak-sambodhi (das höchste und vollkommenste Erwachen) schließt dies alles mit ein.
Der Weg ins formlose Erwachen, zum Ende unseres Haben-Wollens führt genau hier hindurch. Mittendurch.

Gassho, Juen


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