Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Oct 2011

Herbstsonne

Für etwas über eine Woche besuchte uns wieder Kazuaki Tanahashi Sensei. Wie schon so oft, wurde es eine reiche Zeit, bestehend aus gemeinsamem Zazen, einem harmonischen Kurs in Sankelmark und Begegnungen mit unserer Sangha. Ob inmitten des Küchenhimmels -„ah, German tools“- oder früh morgens beim Baika-Lesen in der schönen Bibliothek in Oeversee - seine leise Gegenwart, die sich manchmal so gewaltig äußern kann und manchmal gerade eben noch zu vernehmen ist, wird uns über alle Jahreszeiten hinweg ein leuchtendes Vorbild sein.

Gassho, Juen


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Sitz still und beweg Dich!

Im Rahmen des letzten Sanghatages haben wir begonnen, uns mit dem Satipatthana-Sutra zu beschäftigen, welches die Gegenwart von Achtsamkeit behandelt. Unter den vier Gebieten, auf denen wir Achtsamkeit üben können, findet als erstes die Achtsamkeit um den eigenen Körper Erwähnung.

Woher wissen wir, dass da ein Körper sitzt, der atmet? Wo empfinde ich im jeweiligen Augenblick Wärme, Kälte, Berührung, Druck? Welche Teile meines Körpers befinden sich in Bewegung?
Kann ich beim Essen die Achtsamkeit beim Duft der Speisen, bei ihrem Anblick, beim Kauen, bei der sich verändernden Beschaffenheit des Speisebreis halten? Kann ich meine Nahrung, auch im Bezug auf die Wahl meiner Kost und ihr Volumen, als Unterstützung für das betrachten, was mir in meinem Leben am Wichtigsten ist? Kann ich genießen, mit allen Sinnen und dennoch nicht mehr nehmen, als gesund für mich ist?

Jede Form der Meditation beginnt mit dem Körper. Ihn in all seinen Funktionen und Wahrnehmungen als solchen beobachtend zu begleiten, ist für junge Anfänger wie für etwas Erfahrenere eine gute Übung.

Immer wieder begegnen wir, gerade auch beim längeren Sitzen wie an den Sanghatagen, körperlichen Schmerzen. Wie wir hiermit umgehe lernen, kann uns auch in anderen Bereichen helfen:

... die meisten Arten von körperlichen Schmerzen, mit denen wir es bei der Meditation zu tun haben, stellen keine Hinweise auf eine körperliche Ursache dar. Sie sind vielmehr schmerzhafte Darstellungsformen unseres emotionalen, psychischen und spirituellen Fehlverhaltens. ... Es sind jene Bereiche des Körpers, die sich in schmerzhaften Situationen immer wieder verkrampft haben, um uns vor den unvermeidlichen Schwierigkeiten im Leben zu schützen... Wenn uns lange aufgebaute Muskelverspannungen bewusst werden, können wir auch Gefühle, Erinnerungen oder Bilder entdecken, die mit den jeweiligen verkrampften Bereichen zu tun haben.

Jack Kornfield, “A Path With Heart“


Bedeutet dies, dass wir nach einigen Jahren bis Jahrzehnten schmerzfrei sitzen können (müssten)?
Die meisten werden feststellen, dass dem nicht so ist. Haben wir etwas Wesentliches verpasst oder gar falsch gemacht, wenn wir „immer noch“ mit Schmerzen beim Sitzen zu kämpfen haben?

Sicherlich entspricht es der Erfahrung der meisten, dass sich im Laufe regelmäßiger Praxis muskuläre Spannungen lösen. Wir halten aus während unseres stillen Sitzens und schon allein dadurch tritt eine gewisse muskuläre Entspannung ein, einfach durch eine kontinuierliche „Druckausübung“ in Form von Aufmerksamkeit.
Ferner reisen wir gerade in den ersten Jahren häufig zurück. Erinnerungen jeder Art, die nicht immer nur traumatisch sein müssen, kommen an die Oberfläche. Sie möchten angeschaut und anerkannt werden und legen sich danach entspannt zurück, weil wir sie in den Kreis der Achtsamkeit aufgenommen haben.
So scheinbar mühelos und entspannt es aussieht: beim Zazen werden zahlreiche Muskeln beübt, insbesondere im Unterbauch und in der Lendenwirbelsäule. Durch gute Atmung können wir lernen, diesen Bereich wechselweise anzuspannen und zu entspannen, was letztendlich zu einer Kräftigung der Muskulatur, zu besserer Haltung und einem freierem Fluss von Energien führen wird.

et incarnatus est...
Es ist nicht einfach, als Mensch zu leben: im Einklang mit unserer Umwelt und unserem Körper.
Reines Sitzen birgt die Gefahr, sich darin zu verlieren. Körperliche Bewegung kann zu einer verbesserten Wahrnehmung beitragen und dazu führen, dass wir mehr von dem spüren, was in uns vor sich geht und unseren Wunsch nach freiem Austausch zwischen „drinnen“ und „draußen“ erheblich fördern. Ein beübter Muskel kann leichter auf die wechselnden Anforderungen, die an ihn gestellt werden, antworten. Ab einem gewissen Trainingsgrad werden sich dann auch Anspannungen, die primär im Kopf entstanden sind, lösen.

Wir haben sie nun einmal, diese Form und die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen „hier und dort“.
Beides zusammenzufügen innerhalb dessen, was wir unser „ich“ nennen, ist keine leichte Aufgabe. Diese Friedensarbeit wird uns umso besser gelingen, je mehr wir ein gutes Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung aufrechterhalten. Nur dann werden wir sie letztlich treffen können: die tanzende Steinfrau, den singenden Holzmann - die unsterbliche Person in dieser Hütte, hier und jetzt.

Gassho, Juen
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Flüchtiges

Neulich hatten wir eine interessante Diskussion über das, „was der Buddha fand“. Natürlich wissen wir das nicht. Aber es ist anregend, darüber nachzudenken.
Unsere Unterhaltung kreiste um Siddharthas Erwachen aus der Illusion der Beständigkeit, des Nicht-Vergehens. Eine der Grundlagen unserer Übung stellt die Lehre von der Vergänglichkeit dar. In dem Text, den wir als Grundlage hatten, wurde das Erkennen der Vergänglichkeit als ein Zustand bezeichnet, in dem auch der Tod eingeschlossen wird und wir daher „blinde Hoffnung“ (auf Bestand, auf ein Andauern) und Enttäuschungen vermeiden können.
Es kommt nicht selten vor, dass sich hierbei Protest regt. Denn der als erstrebenswert bezeichnete Zustand kann missverstanden werden als eine Geistesverfassung, in der wir entweder pessimistisch, nihilistisch, fatalistisch oder zumindest „kontaktlos“ durch unser Leben gehen sollen.

Im Dhammacakka Sutra, der ersten Dharmarede, die der Buddha hielt, lehrte er unter anderem, dass ein Anhaften im Sein (in der Existenz) genauso ungesund ist wie ein Anhaften im Nicht-Sein. Erstes ist unsere Situation ohnehin, zweites mit etwas Ausdauer erfahrbar. Dennoch, das ist nicht, was wir üben.

Wenn alle Dinge BuddhaDharma sind, gibt es Verblendung, Erwachen, Übung, Leben und Sterben, Buddhas und fühlende Wesen. Da die zahllosen Dinge ohne festes Ich sind, gibt es keine Verblendung, keine Erwachen, keinen Buddha, keine fühlenden Wesen, kein Leben und Sterben. Der Buddha-Weg reicht seinem Wesen nach weit jenseits von Kargheit und Fülle; daher gibt es Leben und Sterben, Verblendung und Erwachen, fühlende Wesen und Buddhas. Dennoch welken Blütenblätter während unserer Zuneigung und Unkraut sprießt in unserer Abneigung.

Dogen Zenji, Genjokoan


Normalerweise fassen wir den ersten Satz so auf, dass es Erwachte (Buddhas) und Unerwachte (fühlende Wesen) gibt und der Weg, welcher uns von hier nach dort führt, unsere Übung darstellt. Im zweiten Satz, der uns auch aus dem Herzsutra vertraut ist, folgt die Verneinung - keine Verblendung, kein Erwachen, kein Leben, kein Sterben. Häufig ist es gerade diese Sichtweise, die seit Nagarajuna im Zen betont wird und welche als ein Zustand der Überwindung von zum Beispiel „Haben wollen“, Anhaften, Wut, Zweifel, etc. bezeichnet wird.
Nicht so für Dogen.
Für ihn bedeutet Überwinden, was im dritten Satz beschrieben wird.
Wenn wir die Vier Edlen Wahrheiten auf der Grundlage von Prajna sehen - welche die Substanzlosigkeit aller Dinge erkennt, dann ist sowohl Sterben vorhanden wie auch kein Sterben und dennoch leiden wir, wenn Blumen welken.
Sind wir traurig, so sind wir einhundert Prozent traurig. Unsere Traurigkeit stellt in diesem Augenblick keinen Gegensatz zu Freude dar. Sind wir traurig, gibt es kein Ende. Wir sind vollkommen traurig.
Sind wir glücklich, so sind wir einhundert Prozent glücklich. Unser Glücklichsein stellt dann keinen Gegensatz zu unserer Traurigkeit dar.
Wir sind nicht halb und halb.

Beides sind in sich geschlossene, absolute, sozusagen perfekte Daseinszustände, innerhalb derer Blumen trotz unserer Fürsorge welken und Unkraut spriesst trotz unserer Abneigung.
Das ist der Weg, den wir üben.

Gassho, Juen

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