Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Sep 2012

Nichts denkt, also ist alles

In diesen Wochen haben wir uns erneut mit jenem beschäftigt, was wir unser „Ich“ nennen. Diese definierbar undefinierte Substanz aus persönlicher Biografie, aktuellen Lebensumständen, sozialem Kontext, kulturellen Gegebenheiten, intellektuellen Vorstellungen, emotionalem Gedächtnis und schierem Überlebenstrieb, dem wir unseren eigenen Namen geben.

Der Buddha sprach von drei Welten, in denen wir uns bewegen: der materiellen Welt, der Welt in Beziehung mit anderen, der spirituellen Welt.
Wir bewegen uns ständig in diesen drei Bereichen und alle bieten uns eine andere Sichtweise unseres Ichs. Wir sagen: „Ich sehe so und so aus. Ich komme aus Neumünster“. Oder: „mein Bankkonto, meine Email-Adresse“. Das ist die materielle Welt.
Zweitens haben wir eine nationale Identität. Wir sind Geschwister, wir sind Kinder. Viele sind Eltern, Ehepartner, Lehrer, Schüler. Der Buddha war sehr eindeutig in seinen Lehrreden: wir müssen in diese Welt der Beziehungen erwachen, uns in ihr eingliedern und sehen, wie sehr wir verbunden sind. Wenn wir unsere Handlungen unter dem Gesichtspunkt betrachten, was sie für unsere Eltern, Lehrer und Freunde bedeuten, werden wir anders handeln.
Und wir sind auch spirituelle Wesen mit einem reichen - primär unsichtbaren - Innenleben an Phantasie und Humor, an Wertvorstellungen, an Mitgefühl und Gleichmut, an Sehnsüchten.
Wir streben danach, in diesen Welten zu erwachen und uns möglichst frei in ihnen zu bewegen. Somit erhält unsere Meditationspraxis eine andere Dimension: der Stellenwert der ethischen Grundsätze, die einen der Pfeiler unserer Übung bilden, wird klarer. Wir sind andauernd aufgerufen, sie auf unserer Reise durch die verschiedenen Welten immer wieder aufs Neue zu konkret zu verwirklichen. Unsere angewandte Praxis hierin ist es, die den gegenwärtigen Moment bereichert und so lebendig werden lässt.

Im klaren Himmel des Herbstes ist der Mond kalt, sein Strahlen badet die Nacht... Lass alle Unterscheidungen sich auflösen und fege sie fort. Wenn Du aus Dir heraus verstehst und einfach leuchtest, kann sich der Duft der heiteren Gelassenheit verbreiten. Weisheit erscheint im inneren des Kreises und die zehntausend Dinge bleiben außerhalb des Tores... Tritt einen Schritt zurück und kehre heim. Aufrichtig gebe ich Dir diese Worte mit.
Honghzi


Im Zen beschäftigen wir uns damit, dieses Ich zu vergessen. Das ist ungefähr so leicht, wie wenn wir versuchen, unseren Namen zu vergessen. Es ist also unmöglich. Und doch, und doch...
Wir können es versuchen. Zunächst auf dem Kissen, jenem halbwegs überschaubarem Terrain, zeitlich begrenzt und noch dazu in einem geschützten Rahmen. Wir sitzen und sitzen und plötzlich denken wir einen Moment lang nicht mehr an uns selbst. Das geschieht einfach. In diesen anfänglich nur kurzen Augenblicken können wir sehen, dass das, was an Stelle unseres unverzichtbar geglaubten Ichs rückt, viel weiter reicht als jener streng begrenzte Rahmen, den wir so gut kennen. Und dass es keine bare Ödlandschaft der unbewohnten Leere ist, die uns erwartet.
Das, was dann erscheint, ist grenzenlos, grenzenlose Lebendigkeit: die „zehntausend Dinge“ kommen nach vorne. Sie zeigen sich uns in ihrer ganzen Ehrlichkeit und Schönheit, in ihrer Fülle und Vielfalt. Sie laden uns ein, mitten in ihr Leben. Es ist das unsrige. Ohne uns wären auch sie nicht.
Wir sind es, die sie in Erscheinung bringen. Dadurch werden sowohl wir selbst als auch unsere Umwelt erst lebendig. Das ist unser Auftrag.
Ohne uns wäre der Buddha eine historische Figur in weiter Ferne. Durch unsere Praxis, während der wir Tag für Tag, Zazen für Zazen lernen, ihn einzuatmen und auszuatmen und wieder einzuatmen, immerfort - bleibt er am Leben, gibt das, was er verkörpert uns Energie, Imagination, Stille, Mitgefühl und Verbundenheit. Das ist die „Weisheit innerhalb des Kreises“. Sie kann nicht erdacht, nur erfahren werden. Sie kennt weder Form noch Nicht-Form. Sie gehört nicht zu uns und doch entsteht sie in uns. Sie leitet uns und doch tut sie rein gar nichts. Sie ist überall und doch sehen wir sie nicht. Wir müssen sie weder suchen noch angestrengt hervorbringen. Nur lassen und schauen, lassen und schauen - Tag für Tag, Zazen für Zazen.

Alles denkt, also ist nichts.
Nichts denkt, also ist alles.

Gassho,
Juen



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tief in den westlichen Bergen

Ende August fand in Tassajara der seit vielen Jahren von Kaz Tanahashi geleitete Kurs „brush mind“ statt, welcher in klösterlicher Umgebung Kalligraphie und Zen miteinander zu verbinden sucht.
Tassajara wurde von Shunryu Suzuki 1967 als erstes Ausbildungskloster außerhalb Japans gegründet. Nachdem Suzuki Roshi 1962 das San Francisco Zen Center gegründet hatte, machte er sich nur wenige Jahre später mit einigen seiner Schülern auf die Suche nach einem „Bergtempel“ - ähnlich jenen oft abgeschieden gelegenen Klöstern Asiens. Das Gelände selbst trägt viel an amerikanischer Geschichte: bereits der Stamm der Esselen, die Ureinwohner, benutzten ihn und seine heißen Quellen als einen Ort der Heilung. Seit 1870 ist Tassajara als „Bad“ bekannt. Das Gebiet ist riesig und mutet wie eine Stadt in sich an, auch deswegen, weil die Energie selbst erzeugt wird und der nächste (kleine) Ort etwa eine Stunde an gewundener und steiler Sandstraße entfernt liegt.
Es gibt neben dem Küchentrakt und dem Zendo eine Schreinerei, Wäscherei, Gärtnerei, Bücherei, die Badelandschaft, eine Autoreparaturwerkstatt, ein beheiztes Außenschwimmbad, eine Recycling-Anlage, einen kleinen Buch- und Geschenkladen, einen Fitnessraum, einen Friedhof und Erinnerungsgarten, Wanderwege, mehrere Aufenthaltsräume, eine neue, ausschließlich nach „grünen“ Gesichtspunkten erbaute Yoga- und Kurshalle und sicher noch einiges mehr, das ich nicht entdecken konnte.
Überall kann man liebevolle Details entdecken - handgeschnitzte Türöffner, eine kleine Vase vor einer Papierschiebetür, täglich gepflegte Öllampen entlang der gewundenen Wege, die entlang des Flusslaufes zum Zendo und den anderen Hauptgebäuden führen und welche einen auf dem Weg zum nächtlichen Zazen in eine Art Traumzustand zu versetzen scheinen.
Ja, im Zen haben wir kein Ziel und überhaupt ist Zen „gut für gar nichts“. Doch ohne die gewaltige Vision jenes kleinen, auf Photos meist lächelnden Mannes aus Japan würde es diesen einzigartigen Ort der Übung nicht geben - samt der vielen, vielen Menschen, die von Anfang an mitgeholfen haben - ob durch Steine wuchten, kochen oder den imposanten Strom an finanziellen Zuwendungen, die erforderlich sind, um diesen Ort zu zu erwerben und zu erhalten.
Tassaraja ist ein beindruckendes Beispiel dafür, was gemeinsame Übung bewirken kann. Man mag es befremdlich finden, wenn gesundheitsbewusste Kalifornier der gehobenen Mittelklasse jährlich hierher kommen, um „auszuspannen“. Man mag das Nebeneinander von zahlenden Gästen und „Arbeit für Logis“-Studenten, Zen-Schülern, Mönchen und solchen, die bereits jahrelang in Tassajara wohnen, gewöhnungsbedürftig finden.
Doch diese bunte Mischung trifft sich nur während der Sommermonate. Danach schließen sich die Tore und das Programm weist nur noch jeweils eine Winter- und eine Frühjahres-Übungsperiode für Zen-Interessierte auf.
Insgesamt bietet dieser Ort so für Menschen in den verschiedensten Lebensrichtungen und -situationen die Möglichkeit, mit der Lehre Buddhas in Berührung zu kommen. Genau das war es, was der ziel- und absichtslose Meister Suzuki im Sinn hatte: die Weisheit und das Mitgefühl aller Buddhas zu verkörpern, auszudrücken und für alle zugänglich zu machen, die den steilen Weg hierher zu finden gewillt sind.

Gassho, Juen

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vom Mond in einem Tautropfen

Unerlässlich ist es, nicht aus dem Heim anderer zu borgen. Um unser Haus bewirtschaften zu können, musst Du es klar und innig für Dich selbst erfahren.
Honghzi


Wir borgen andauernd von anderen. Ohne Hilfe „von außen“ , nur für uns alleine, könnten wir nicht überleben. Daran kann zum Beispiel unser Oryoki erinnern: „...zahllose Arbeiten brachten uns dieses Speise, wir sollten wissen, wie sie zu uns kommt“.
Unser Körper, unsere Kleidung, unsere Bildung, unsere Werkzeuge, unsere Kultur - all dies haben wir von anderen „geborgt“.
Wir kommen zusammen als Sangha - und gemeinsam sind wir größer, als jeder für sich genommen und zusammengezählt. Wir ermutigen und bestärken einander andauernd.

Und doch ist jeder, ist jede - nahezu unerbittlich alleine - niemand kann unsere Arbeit tun. Niemand weiß letztlich so genau wie wir selbst, worin sie speziell besteht.
In diesem fortwährenden Wechselspiel bewegen wir uns. Das wird innerhalb eines Zendos besonders deutlich - jeder hat sein eigenes Kissen und begibt sich auf seine ganz individuelle Reise. Kurze Zeit später singen wir gemeinsam und - wenn wir Glück haben - klingt es wie ein Ton.
Form und Leere: Gemeinschaft und Individuum, die Fäden, welche Indras Knoten zusammenhalten, und der Knoten selbst: Absolutes und Relatives - unter dem Aspekt der Übung besteht kein Unterschied. Unendliches Leben und der gegenwärtige Augenblick sind eins.
Wenn wir dies einmal erfahren haben, ist unser Weg nicht mehr so überwältigend lang. Nichts ist die Stufe für etwas anderes - alles eine Abfolge von vollkommen gelebten einzelnen Momenten. Wir können uns komplett in ihn hinein entspannen, immer nur einen Schritt nach dem nächsten tun - und niemals, niemals aufhören.

Du solltest Dich in diese Arbeit vertiefen und sie mit dem Gelübde ausführen, ein- oder zehntausend Leben an einem Tag oder zu gleicher Zeit mit einzubeziehen.
Dogen Zenji

Gassho, Juen
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