Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Sep 2014

Über ein Geheimnis

Eine Nonne fragt den Zen-Meister Zhaozhou Congshen:
„Was ist der zutiefst verborgene Geist?“
Zhaozhou drückt ihre Hand.
Die Nonne fragt: „hast Du es immer noch in Dir?“
Zhaozhou sagt: „Du bist diejenige, die es hat“.


Der zutiefst verborgene Geist in unserer Tradition … sind das zum Beispiel die 81.258 Druckplatten der Tripitaka Koreana … Dogens Eihei Koroku und sein Shobogenzo … die Sammlungen von der smaragdgrünen Felswand … die 100 Dharmas von Vasubandhu … oder die schier unüberschaubare Flut an buddhistischer Primär- und Sekundärliteratur?
Die Übertragung jenseits der Worte und Schriften in einer dennoch so Schrift- und wortreichen Tradition geschieht … im Verborgenen?

Verborgen wie der Klang eines Sutras aus einem Wohnhaus, das Echo eines Steins auf einen Bambus, der Moment, in dem der Deckel aus dem Eimer fällt oder jemand in die Nase gezwickt wird.

Das Drücken einer Hand ist nicht verborgen. Genauso wenig wie das Zwicken einer Nase. In beiden Situationen wird Kontakt hergestellt. Wie bei einem Bild, oder bei einem Photo, wo ich frage: darf ich? Und abwarte, bis das Objekt zugestimmt hat, ist eine Übertragung, eine Weitergabe, nur durch unmittelbaren Kontakt möglich. Dieser entsteht selten im Kopf, noch seltener durch lange Vorbereitung, oft spontan und meistens durch den Körper. Was nicht immer mit physischer Berührung gleichzusetzen ist.
Ich drücke Verbundenheit aus, ich stelle sie her.
Sonst sehe ich nichts als einzelne Schriften, ein paar Bambushaine und ein sogenanntes Diamant-Sutra.
Ich öffne mein Herz und schaffe eine freie Bahn zu meinem Gegenüber. Ich vergesse meine Knochen, meine Haut, mein Mark, mein Fleisch. Wir verstecken wie Ananda unseren Körper in Mahakashyapa und Mahakashyapa versteckt seinen Körper in Ananda.
Dies alles ist nichts Altes. Es geschah vielleicht vor ca. 2500 Jahren auf einem Berg. Es geschieht täglich in unserem Zazen. Wir schaffen Verbindung zu unseren Gedanken, unseren Füßen, unseren Schmerzen, zu dem Raum, in dem wir sitzen, der Sangha, den Bäumen und dem Wind draußen. Wir verbinden uns mit unserer Vergangenheit, mit unserer Gegenwart und mit unserer Zukunft.
Wir manifestieren hierdurch eine Dharma-Übertragung, wie sie nur von „warmer Hand“ zu „warmer Hand“ erfahren und weitergetragen werden kann. Durch unser Zazen, das ein Zazen auf dem Kissen genauso beinhaltet wie das Zazen des frühen Aufstehens mit einem Lächeln oder das Zazen des Tischdeckens für unsere Familie.
Oder das Zazen einer freundlichen Hand in eine hilfsbedürftige.

Gassho,
Juen

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