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Achtsamkeit

Achtsamkeit - Theorie und Praxis

Alan Senauke kam uns besuchen, nachdem er in Hamburg am „Internationalen Achtsamkeitskongress“ teilgenommen hatte, der buddhistische Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Traditionen, Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Neurowissenschaftler und sozial aktive Buddhisten vereinte.

„Mindfulness“ ist in den angloamerikanischen Ländern schon lange ein Begriff, mit dem viele Menschen unabhängig ihrer etwaigen spirituellen Praxis etwas verbinden, von einer eigenen Zeitschrift über diverse Kurse, einer Vielzahl von Büchern zu allen Lebenslagen sowie dem von Jon Kabat-Zinn entwickelten Konzept der MSBR (mindfulness based stress reduction).
Letzteres wird auch bei uns immer bekannter, es gibt inzwischen eine große Anzahl von Kursangeboten und Literatur, in dem aufeinander abgestimmte Aufmerksamkeitsübungen gelehrt werden. In dem Augenblick, in dem diese wertvolle Arbeit Eingang findet in Kurse für Manager, Schulen, Hilfe für diverse Lebenslagen, Krankenhäuser und - in den USA - in Gefängnisse und militärische Ausbildung, kommt Ethik ins Spiel.
Ist Aufmerksamkeit und deren Training an sich bereits „richtig“?
Alan Senauke zitierte S.H., den Dalai Lama, der davon sprach, dass ein Selbstmordattentäter ebenfalls ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit aufbringen muss. Er führte weiter aus, dass Buddhismus sowie alle religiösen Traditionen, wie auch Gesellschaften - weltlich oder religiös - über ethische Richtlinien verfügen - Lücken und blinde Flecke eingeschlossen. Im Falle des Buddhismus ist es relativ einfach: der Buddhaweg spricht von „rechter Achtsamkeit“ (sammasati), wie wir sie im Achtfachen Pfad, eine der Grundlangen unserer Übung, wiederfinden. Dieser wird traditionell in drei Abschnitte gegliedert: Sila/Ethische Grundlangen: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechte Lebensart.
Samadhi/Meditation: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration/Meditation.
Prajna/Weisheit: Rechte Sichtweise, Rechtes Verstehen.

Die Übung in gespitzter Aufmerksamkeit mit ihrem Übergang in die facettenreiche Praxis der Achtsamkeit kann nicht von ihren Grundlagen an ganzheitlich wirkenden Kofaktoren befreit und an sich genommen werden, sonst ist es einfach nur ein relativ eindimensionales „Aufpassen.“

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Alan erzählte von seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Gefängnisinsassen und war sehr ehrlich im Bezug auf seine Schwierigkeiten hiermit: „Wenn ich Achtsamkeit lehre - als sehr effektive Art, die Reaktivität herabzusetzen - lehre ich dann die Insassen, bessere Gefangene innerhalb eines z.T. unmenschlichen, autoritären Systems zu sein oder mache ich bessere Menschen aus ihnen? Lehre ich Unabhängigkeit und Mitgefühl oder bin ich ein Handlanger ihrer Wärter? In diesen Umständen sehe ich mich auch als jemand, der versucht, im Gefängnis als einen Ort sozialer Kontrolle und Sammelstelle für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen, zu lehren.
Wenn sich meine eigene Achtsamkeit auf einer soliden ethischen Grundlage befindet, besteht meine Verantwortung darin, die Wahrheit über das bedrückende amerikanische Rechtssystem zu sagen - und gleichzeitig achtsam zu sein gegenüber dem Bedürfnis der Gefangenen nach Ruhe und Wahrheit.“

Die Lehren Buddhas sind nicht nur etwas zum Lesen, Zuhören oder Philosophieren.
Sie waren damals wie heute etwas zum „Tun“, zum Handeln, zum Verkörpern. Etwas, das erst durch die eigene Erfahrung lebendig und erst durch eigenes Beispiel sichtbar wird. Unsere Tradition, dieser spirituelle Weg, er kann nur verstanden und erfahren werden, wenn wir uns dabei beteiligen - und zwar mit allem, was uns an Eigenschaften, Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Verfügung steht.
Ob wir es Dhamma/Vinaya - Lehre/Übung nennen oder Übung/Erwachen - beides gehört zusammen wie Form und Leerheit.
Nur durch die gelebte Untrennbarkeit von shoho - der Verschiedenheit und Individualität aller Dinge - mit shiso - der wahren Wirklichkeit, die alle Farben vereint, werden wir den Kreis des Weges vollenden. Das ist es, worauf alle Lehrerinnen und Lehrer, damals wie heute, berühmt und unbekannt, nicht müde werden hinzuweisen.

Gassho,
Juen

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