Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Rezitation

Hörst Du, wie es singt?

In der Stadt -
Klänge von Flöten und Trommeln.
Aber auf diesem hohen Berg
nur das Knistern von Kiefernnadeln.

Ryokan


Im zweiten Halbjahr haben wir begonnen, die Aufgaben des Kokyo, Ino und des Zeitgebers (Zazen, Han, Rezitationsglocke) auf mehr Schultern zu verteilen als bisher.
Bestimmte Aufgaben innerhalb einer Sangha zu übernehmen, ist eine gute Übung. Das ist in den meisten Gruppen so. Bei uns werden diese Aufgaben erst nach einer Weile vergeben, das sind in der Zählweise des Zen einige Jahre. Das Sitzen sollte solide sein und die Verankerung innerhalb der Sangha stabil.
Es gibt es noch weitere Besonderheiten: Oft sind es Dinge, die wir nicht besonders mögen und -zumindest zunächst- nicht sonderlich gerne ausführen. Vorzugsweise werden uns sogar Aufgaben gegeben, von denen wir überzeugt sind, absolut ungeeignet dafür zu sein. Das ist die Sache mit dem Können und unseren Vorzügen!
Nicht genug damit, erhalten wir für eine proper ausgefüllte Aufgabe selten Lob, oft nicht einmal die Rückmeldung, dass sie überhaupt wahrgenommen wurde. Dafür aber scheint es fast immer jemanden zu geben, der die von uns längst bemerkten Fehler auch gesehen oder gehört hat - vor allem natürlich am Anfang, das bedeutet: in den ersten Jahren. Das ist manchmal ein bisschen schwierig.
Vielleicht hilft es, sich an das häufige Ende der Geschichten über Chinesische Zen-Schüler und Meister zu erinnern, wenn es da heißt: „Der Mönch verbeugte sich.“ Er hat die Anleitung gehört. Er hat sie in sich aufgenommen. Er hat sie nicht persönlich genommen. Er ist dankbar dafür. Das ist alles.
Nach ein paar solcher Aufgaben innerhalb des geschützten Rahmens einer Sangha können wir uns vielleicht auch gegenüber unserem Chef „verbeugen“, dem ollen Nachbarn, den ganz speziellen Situationen mit den Eltern, den schrecklichen Politikern...

Nun, da einige von Euch sich in die subtile Welt des Zusammenspiels während einer Rezitation begeben, ein paar Hinweise hierzu:
Erstens: alle unsere Rezitationen sind Ausdruck von Dankbarkeit. Zweitens und drittens: siehe erstens.

Die erste Widmung geht an Shakyamuni Buddha - es ist unsere Identifikation mit der Buddha-Natur in uns. Sie ist auch an den historischen Buddha gerichtet, der sich nach seinem Erwachen nicht einfach in die schönen Berge zurückgezogen hat, sondern siebenundvierzig Jahre lang keine Mühen scheute, um sie zu vermitteln, um sie zu lehren. Nur hierdurch war es möglich, dass das Dharma über Indien, China und Japan zu uns gelangen konnte. Es gibt für unsere Ahnen keine grössere Freude, als die, uns das Dharma praktizieren, respektieren und weitertragen zu sehen.
Allein der Ausdruck von Dankbarkeit verändert. Er kann unsere gesamte Weltsicht verwandeln; eine Sicht, in der wir uns nur allzu oft auf die 5% konzentrieren, die gerade nicht ganz so rund laufen - für uns.

Die zweite Widmung ist an die Linie der Lehrer gerichtet. Wir singen die Namen der indischen, chinesischen und japanischen Lehrer. Damit bedanken wir uns für ihre Leben, für die Lehre, welche sie an uns weitergereicht haben und: für unser Leben, welches seither ein Leben im Dharma geworden ist.
Rezitation handelt auch von Energie - der Energie unserer Stimme im Raum, unserer Gemeinschaftsenergie, sowie der Stimmen von so vielen, die vor uns diesen Weg besungen haben.

Das Dharma lehrt auf vielen Wegen, einer davon besteht in Worten, die auf diese Weise einen anderen, oftmals direkteren Zugang zu uns finden als es gesprochene Sätze vermögen.
Ein Sutra wie das Maka Hannya Haramita Shingyo oder das Daihishin Dharani wird sich zunächst einen Weg ins Unterbewusste bahnen und von hier aus seine Wirkung in uns entfalten.
Irgendwann werden wir dann Sätze hieraus „denken“. Sie werden von dort zahllose Wesen erreichen - sichtbar oder unsichtbar, noch lebend oder bereits verstorben.
Wenn wir andere Zentren oder Klöster besuchen, werden wir feststellen, dass nahezu jeder Ort ein wenig anders rezitiert. Das ist vielleicht am Anfang etwas verwirrend. Es macht aber auch deutlich: worauf es ankommt, ist die Rezitation des Dharmas.
Dieses kann nur von Angesicht zu Angesicht übertragen werden, denn nur so bleibt es lebendig.
Der Buddha hat frühzeitig seine Mönche angewiesen, das Dharma in ihre jeweiligen Regionen zu tragen und an die dortigen Gegebenheiten anzupassen. Dafür sind wir bis heute ein gutes Beispiel: eine Übung, die aus dem fernen Ostasien kommt und dabei ist, sich in einem völlig anderen Kulturkreis zu etablieren, kann nur überleben, wenn sie sich an die Umstände, an ihre Gesellschaft und deren Fragen anpassen kann.

Die zweite Widmung ist an unsere Umgebung gerichtet: unter anderem an unsere Eltern, unsere Lehrer, an die Gegend, in der wir wohnen. Die Einbeziehung unserer Eltern ist hierbei besonders wichtig. Das wird auch im Rahmen der Jukai-Zeremonie deutlich. Im Laufe unserer Übung vermengen sich unsere genetische Herkunft und die von Angesicht zu Angesicht übertragene Linie des Buddha-Dharma. Daher sollten wir uns genauso mit unseren Eltern und deren Eltern bis hin zu „Buddhas Zeiten“ verbunden und verpflichtet fühlen wie wenn wir von unseren Dharma-Ahnen sprechen. Deswegen ist der Friedensschluss mit unseren Eltern -egal, wer sie sein mögen und wie sehr sie uns enttäuscht haben mögen - von hoher Bedeutung für unseren eigenen spirituellen Weg.

Des weiteren richten wir uns an Kranke und Verstorbene - als Geste der Fürsorge - und der Erinnerung. Irgendwann, irgendwo, wird auch unser Name an dieser Stelle gesungen werden.

Ein weiterer Aspekt unserer Rezitation besteht in seinem Ausdruck unserer Verbundenheit mit allem. Sie beginnt mit Gassho - oder den vollen Verbeugungen. Diese Geste allein bedeutet ein Zusammenführen von verschiedenen Teilen und seine Umsetzung in eine Handlung. Während der Rezitation werden wir „Buddha“, werden wir „die anderen“. Yuibutsu Yobutsu - ein Buddha und ein Buddha.

Wir rezitieren die ersten Sutren auf Japanisch, als Hinweis auf unsere Tradition. Gleichzeitig gelingt uns in einer für die meisten fremden Sprache - das Herzsutra wird zudem auf altjapanisch rezitiert - leichter: Einspitzigkeit. Wir verstehen nichts. Wir brauchen nicht zu denken. Wir können einfach nur singen und Klang werden. Wenn wir auf diese Weise rezitieren, gibt es keinen Unterschied zwischen unserem Zazen und unserer Rezitation.

Gassho, Juen


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