Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Zazen

Einfach üben

Von der aus Bangladesh stammenden Vipassana-Lehrerin Dipa Ma (1911-1989) ist eine Episode überliefert, in der sie ihre durch Flugturbulenzen zutiefst erschreckte Schülerin unter anderem mit den Worten tröstet: „ … hab keine Angst. Die Töchter des Buddhas sind furchtlos“.

Was zunächst klingt wie ein paar nette Worte, die auch als ein Verharmlosen der erlebten Furcht ihrer Schülerin bewertet werden könnten, kann auch so  verstanden werden:

Obgleich der Buddha nach einigem Zögern der Ordination von Frauen zustimmte, ist der frühe Buddhismus im Bezug auf das weibliche Geschlecht eindeutig: Frauen war es unter anderem unmöglich, ein Brahmane, ein das Dharma-Rad-drehender König oder ein Buddha zu werden. Auch in späteren Jahrhunderten sprach man neben den allgemeinen Fünf Hindernissen für Erwachen (Geistige Unruhe, ständige Sinnesverlangen, Übelwollen, Beharren im Gewohnten, Zweifel/Daseinssorge) von fünf weiteren Hindernissen, die speziell für Frauen galten: die Verpflichtung, auf einen Ehemann zu warten, die Verpflichtung, die eigene Familie zu verlassen, um in die des Mannes zu ziehen, Menstruation, Geburt und Schwangerschaft. Die weibliche Biologie - ein Hindernis schlechthin. 
Das galt auch für Dipa Ma, die mit 12 Jahren an ihren Ehemann verheiratet wurde und in jungen Jahren keine Schule besuchen durfte. 

Heute, ca. 50 Jahre nachdem Dipa Ma in Kalkutta zu lehren begann, finden wir an dem Ausdruck „Töchter des Buddhas“ nichts Besonderes. 
Das Zen im Westen, wie alle die meisten anderen spirituellen Wege,  zeichnet sich unter anderem durch das Überwiegen der Laienpraxis und die Tatsache aus, dass Frauen inzwischen gleichwertige Mitglieder jeder Sangha sind.
Das klösterliche Leben, in unserer Tradition stark japanisch geprägt, neigt dazu, die „männlichen Eigenschaften“ zu betonen und vielleicht manchmal auch die hier geschaffene Ausnahmewelt in ein zu sonniges Licht zu setzen. Das Leben dort ist jedoch nicht „besser“. In vieler Hinsicht ist es einfacher - ein geregelter Tagesablauf, für Essen und Unterbringung ist gesorgt, die zu verrichtenden Arbeiten sind zwar oft körperlich anstrengend, aber meistens überschaubar. Und sie haben mit dem Gong ein klares Ende.

Meistens gibt es keinen Zugang zu Medien, was schon allein damit zu tun hat, dass diese Orte an sehr entlegenen Plätzen zu Hause sind. Die amerikanische Zen-Lehrerin Cheri Huber sagte manchmal, wenn jemand von einem Ungeschick während der Woche berichtete: „Keine Sorge. Ist nicht das Schlimmste, was Euch hier geschehen kann, dass Ihr Euren Wäschezeitpunkt verpasst?“ Die private Wäsche konnte wegen steter Wasserknappheit nur ein Mal alle 8-12 Tage erledigt werden. Hatte man seinen Einsatz verpasst, was in einem scheinbar zeitlosen Schweigekloster durchaus vorkommen konnte, musste man eine weitere Woche mit verstaubter und verschwitzter Kleidung verbringen. Das tat damals schrecklich weh! 
Im Vergleich zu den Herausforderungen, die uns in der Laienpraxis begegnen, ist es ziemlich nebensächlich:

Wir sausen von der Arbeit nach Hause. Müde und hungrig. Der Kühlschrank ist leer. 
Im Kloster kauft der Koch ein. Es gibt immer gutes Essen, drei Mal am Tag.

Das Bett ist nicht gemacht. 
Der Schlafsack sieht immer hübsch aus.

Auf dem Küchentisch stehen Frühstücksreste. 
Wir haben immer alle gemeinsam abgeräumt.

Es ist gerade noch Zeit zum Umziehen. Was lesen wir heute? 
Im Kloster gehen alle ruhigen Schrittes gemeinsam zum Zazen, wenn der Han erklingt. 

Die Klosterwelt ist wunderbar. Alles ist darauf ausgerichtet, dass wir uns um nichts anderes kümmern als um unsere eigene Praxis. Die Rahmenbedingungen sind „für“ uns. Und alle eint die eine gemeinsame Angelegenheit.

Die Welt, in der ich während des Telefonats jemandem mit Gesten etwas mitteile, während ich gerade mit einer anderen Handreichung beschäftigt bin, ist eine vollkommen andere. 
Hier werden wir andauernd hin- und hergeschoben, wir werden ausgenutzt und manchmal respektlos behandelt. Von uns werden hohe Geschwindigkeiten und viel Flexibilität verlangt - dazu die Fähigkeit, stets mit guter Laune das Beste geben zu wollen. Mitarbeitermotivation ist überwiegend immer noch ein Fremdwort. Positive Rückmeldungen sind selten, kleine Versäumnisse werden hingegen sofort ausgebreitet und nicht immer erfahren wir selbst davon. Wir werden zum Objekt von Machtgebärden, die meistens persönliche Defizite zu kaschieren versuchen. 

Kurzum: wir sind umgeben von Menschen, die außerhalb des Dharmas leben. Und nicht selten sind wir von ihnen abhängig.

Oder: wir sind umgeben von Ignoranz. Von Ignoranz und - buddhistisch gesprochen - von unglaublichem Leiden.

Das ist zumindest sehr häufig unser Erleben. Gleichzeitig könnten wir genauso berechtigt sagen, dass es nur eine Unwissenheit gibt: die unsrige. Und nur ein Leiden: unser eigenes. Und sich niemand außerhalb des Dharma befinden kann.
Die Arbeit, die wir hier tun können - ist die eines Bodhisattvas. Katagiri Roshi nannte es „mit den Lücken üben“. Ganz natürlich wird aus unserer Praxis und der Erfahrung, dass es durchaus einen fließenden Übergang zwischen mir und den anderen, zwischen "mein" und "Dein" gibt, Mitgefühl erwachsen. Wir möchten uns kümmern: nicht nur um uns. Zumindest möchten wir versuchen, inmitten des alltäglichen Samsaras der Gegensätze , diese zu verbinden: Subjekt und Objekt in eine Handlung fließen lassen.
Wir können es üben: beim Tanz zwischen „ich will heute nicht sitzen, sondern fernsehen!“
Und: "Kann sie nicht einmal ..."
Und: “Heute ist Zazen. Warum sollte ich nicht hingehen? Was habe ich Besseres zu tun?“

Wir üben es, wenn wir morgens für unsere Familie Brötchen holen, Brote schmieren, den Tisch decken, Zettel schreiben, Aufmunterungen verteilen und dennoch pünktlich zur Arbeit fahren. 

Wir üben es, wenn wir den Abfall im Teeraum leeren und die Blumen richten. 
Und wir üben es, wenn wir hinter der Verletzung, die uns gerade zugefügt wurde, die Ängste „der anderen“ sehen können. 

Wir müssen diese weder erklären, bekämpfen, reparieren, minimieren. Wir müssen gar nicht tun. Nur diese einatmen, mit unserer Verwundung, mit unserem Leiden und dies in uns verteilen, es schmerzen lassen, betrachten - bis es irgendwann verklingt.

Dogens „nur Sitzen“ bedeutet, mich der jeweiligen Situation vollkommen auszusetzen. Es ist radikales Bleiben. Was extrem klingt, ist doch nichts anderes als die einzig gesunde Antwort auf unser Hiersein. Kein Verhandeln, kein Ausweichen, kein Abschirmen. Kein Dünner oder Schöner. Kein Hierhin, kein Dorthin. Kein Höher oder Weiter, kein Wichtiger oder Besser. 
Wenn wir in Zazen sitzen, gibt es keine Vergleiche. Wir sitzen: hier. Jetzt. Mit diesem Körper. In diesem Moment. Und erwachen zu dem, was ist.

Nirvana ist kein verzückter Daseinszustand, der einigen Auserwählten vorbehalten ist. Nirvana ist auch kein Land, das sich außerhalb von Samsara befinden würde. Wenn wir „Nirvana“ nicht innerhalb von „Samsara“ erleben, werden wir keinen Frieden finden. Weder in „männlicher“ noch in „weiblicher“ Form. Weder im Kloster noch im Alltagsleben. 
Denn die Töchter des Buddhas sind vollkommen furchtlos.

Gassho, Juen

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Aufmerksamkeit anstatt Effizienz. Sanfter Fluss anstatt Geschwindigkeit.

Letzte Woche hat uns wieder Kazuaki Tanahashi mit seiner Anwesenheit erfreut - wie immer leise, wie immer schier unermüdlich und - wie immer - von großer Weite.
Wir haben uns auch dieses Mal beste Mühe gegeben, dem Meister auf seinen Ausflügen zu diversen Gipfeln - Ryokan, Dogen/Uji, die Bedeutung des Herzsutras, die aktuelle Situation in Japan, die Kunst des Freudigen Lebens ... zu folgen. Ein wenig zumindest. Zugegebenermaßen sind wir danach immer etwas außer Atem, während unser Gast sich seinen Hut aufsetzt und seelenruhig von dannen geht - zu seinem nächsten Projekt, natürlich.
So schien es ein Paradox zu sein, seinen Vortrag im Rahmen unseres Sangha-Tages zu hören, welcher unter anderem auch die Kunst der Verlangsamung hoch hielt und ihr zudem überaus verjüngende Wirkung zusprach.
Dies aus dem Mund von jemanden, der nie still zu stehen scheint - außer bei nur oberflächlicher Betrachtung?

Und doch und doch - Zazen ist Verlangsamung.
Bewusster Atem ist Verlangsamung.
Tage, die überwiegend in Achtsamkeit verbracht werden, scheinen häufig nie enden zu wollen.
Wie oft hören wir: „Ich habe jetzt keine Zeit ... „Ich kann jetzt nicht“... „Auf gar keinen Fall“...?
Wie schnell sind wir dabei?
Wie viel Energie kostet es, unsere eigene Agenda hervorzukramen und vor allem: exponiert zu halten und verbal oder nonverbal unserem „nein“ Ausdruck zu verleihen?

Ein „Ja“, idealerweise ein freudiges Ja, ist bester Ausdruck von Verlangsamung.
Der Raum, der hierin entstehen kann, bietet Platz, Schatten und Basis für alle unsere Vorhaben - sogar die undenkbarsten.

Unser Freund und Mentor gibt uns auch hierin bei jedem Besuch aufs Neue ein umwerfendes Beispiel.

Wir sprechen mehr, wenn wir unsicher sind.
Wir kommen weiter, wenn uns das Gas ausgeht.

Gassho,
Juen

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Einfach bleiben

Gibt es, so mögen wir fragen, während der Januar als Monat der Gelübde in den Februar, Monat des Pari-Nirvana übergeht, so etwas wie eine Essenz dessen, was wir hier tun?

Selbst der Buddha tat sich schwer. Er versuchte alle Arten von Übungswegen, bis er sich schlussendlich unter den Bodhi-Baum setzte. Der Überlieferung nach führten ihn die unabänderlichen Tatsachen in unserem Leben - Alter, Krankheit, Tod - dazu, sein behütetes Zuhause zu verlassen, um sich auf die Suche zu begeben. Die Suche nach etwas wie Friedsamkeit, innerer Ruhe - Zufriedensein.

Wir alle sitzen unter einem Bodhi-Baum. Mindestens ein, für manche zwei Mal die Woche, treffen wir uns dort gemeinsam. Wir nehmen unseren Platz ein. Anfangs meistens hochmotiviert. "Heute! Vollkommene Ruhe! Kensho!"
Dreißig Minuten später mögen diese guten Absichten mehr oder weniger ferne Erinnerung sein. Viele von uns haben bereits ein klein wenig erfahren, dass es - wie in den Geschichten um den Buddha unter dem Bodhi-Baum - eine Vielzahl von Besuchern gibt, die unseren anfänglichen Schwung untergraben möchten.
Die meisten von uns bringen, spätestens ab Tag zwei eines Sesshins, ihre inneren "Dämonen" mit ins Zendo. Wir bemühen uns lange, sie zu verbergen. Es gelingt selten und ist meist dann für andere noch gut sichtbar. Nach zahllosen Sesshin, Kursen oder Sangha-Tagen, Jahren auf dem Kissen, werden wir aber irgendwann mürbe.

Ähnlich wie sich die Aufmerksamkeit eines quengelnden Kindes bei Nichtbeachtung nach einer Weile auf etwas anderes konzentrieren wird, verlieren unsere Dämonen daraufhin langsam das Interesse an uns.
Warum? Weil wir uns nicht länger vor ihnen verstecken. Weil wir sitzen bleiben, wenn sie uns bedrohen. Weil wir uns inzwischen so oft selbst angeschaut haben, in- und auswendig, dass sie uns nichts Neues sagen können. Es gibt nichts mehr zu verbergen: wir lächeln. Wenn unsere Monster zu unseren Maskottchen geworden sind, haben wir gewonnen.
Es ist der einzige Weg, sie zu befrieden. Wir müssen sie aushalten, all ihre Raffinessen - ungeschönt.

Insofern ist Sitzen auch immer: Kapitulation. Unser Ich hat auf viele Arten versucht, diesem kleinen Leben einen Sinn zu geben, es möglichst angenehm für uns zu gestalten. Es hat nicht wirklich funktioniert, zumindest nicht dauerhaft. Das nagende Gefühl: von jenem etwas, das fehlt, immer noch... - es bleibt. Sonst hätten wir nie den Weg in ein Zendo gefunden.

Wenn wir aufgeben, hört die Suche ebenfalls auf. Wie auch unsere oft quälenden Fragen. Wir lassen unseren Körper sitzen, damit sich in unserem Kopf die zehntausend Dinge setzen. Wir bleiben dabei und gestatten, ermattet wie wir mittlerweile sind, unseren Lebenshöhen und -tiefen, sich in uns heimisch zu fühlen. Wir halten alles aus: unsere peinliche Hypochondrie. Unsere theatralische Eifersucht. Unseren vollkommen unbegründeten Geiz. Unser Hang zum Schummeln. Unsere klebrige Trägheit. Unsere auf Angst begründete Arroganz. Unseren geerbten Jähzorn.

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Dieses Sitzen wird irgendwann, wie alles in unserer Übung, zum Symbol. Wir brauchen uns nicht mehr umzuschauen, denn wir haben schon überall nachgesehen.
Wir sitzen, wie es im Zen heißt, "ohne Ziel". Das ist nicht fatalistisch gemeint und es soll auch nicht bedeuten, dass Ziele gut oder schlecht sind. Es bedeutet: wir bleiben. In dieser angenehm-unangenehm-schmerzhaft-entspannend-stabil-federleichten Haltung.
Wir lauschen. Wir warten. Wir sind entschlossen, dieses Mal nicht zu reagieren. Je weniger wir tun, desto mehr geschieht. Bis irgendwann, irgendwo, die Frage, mit der wir alle geboren wurden und die uns bewegt hat, diesen wunderbaren Weg zu gehen, zu unserem eigenen Leben wird. Zu unserer Frage, zu unserer Antwort. Täglich und immer wieder. Für immer.

Gassho, Juen

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Und jetzt?

Der Januar ist im buddhistischen Kalender oft der Monat, an dem wir uns mit unserem Gelübde beschäftigen, wir haben schon ein paar Mal darüber gesprochen und auch hier geschrieben. Ein Gelübde ist nicht ein guter Vorsatz, sondern bezeichnet die Ausrichtung, welche wir unserem Leben insgesamt geben möchten.

Wie möchte ich mein Leben leben?
Was tue ich hier?
Was gibt diesem Leben Frieden, Frische und Energie?

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Ein Gelübde ist wie ein feiner Magnet, der uns in eine bestimmte Richtung lenken kann. Bereits der Buddha sprach davon, verkehrte Sichtweisen umzudrehen. Eine Orientierungshilfe können die meisten von uns gut gebrauchen, denn nicht nur herrscht bei uns selbst oft „Welt verkehrt“, sondern wir sehen dies auch bei anderen und werden bewusst oder unbewusst hiervon beeinflusst.

In dem halben Jahr, in dem wir den Achtfachen Pfad besprochen haben, wurde deutlich: was ich jetzt gerade für mein Leben möchte, ist die Summe aus meinem Kopf und meinem Körper. Von hier aus erschafft sich mein gesamtes Leben. Andauernd. Wir tragen es sprichwörtlich in uns, mit uns.
So, oder... so?

Auch deswegen - zum Depolarisieren - ist das gemeinsame wöchentliche Zazen wichtig.
Im Zendo ist das alles noch relativ einfach. Hinsetzen, loslassen, schweigen und einfach sitzen bleiben. Zazen ist der Magnet. Unsere Haltung wird zum Symbol. Fest verankert, können wir gar nicht anders, als sitzen zu bleiben. Wir bleiben dabei, dabei, dabei - bis zum Gong und dann wieder aufs Neue. Am deutlichsten wird dies und die heilsame Kraft des - Dabeibleibens - während eines Sesshin.

Außerhalb des Zendos lässt dieser Magnet oft etwas nach, das ist ganz natürlich. Wir denken, treffen Entscheidungen. Das beginnt schon beim Aufräumen nach dem Zazen. Fortan geschehen andauernd Dinge, die uns lieb und oft weniger lieb sind. Wir reagieren, denken, agieren und so weiter. In schneller Abfolge. Plötzlich kommt uns etwas abhanden. Wie können wir uns im Alltagsgeschehen wieder erden?

Was kann helfen, wenn wir unsere Orientierung verlieren?
Ein Gelübde bestimmt die Überschrift, unter die wir unseren Alltag stellen - alles, was wir jetzt gerade tun - vom Schuhe putzen bis zu wegweisenden Veränderungen.

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Hierbei sind diese selbst natürlich von Bedeutung, entscheidender zunächst aber ist, wie wir sie treffen. Die richtigen, die heilsamen Entscheidungen kommen von selbst, wenn wir wachsam sind und wachsam bleiben gegenüber dem Prozess, wie sie in uns zustande kommen.

Es ist gut, unsere Gelübde am Jahresanfang zu überdenken und, wo nötig, anzupassen und vor allem: zu erneuern.
Gelübde sind lebendige Wesen, die nur dann verinnerlicht werden können, wenn wir sie möglichst oft besuchen.
Ein Gelübde weist in die Zukunft, hilft uns in der Gegenwart und: es erinnert uns.
Woran? An unsere Möglichkeiten. An das große Potential, das in uns schlummert. Buddhas vollkommenes Erwachen - anuttara samyak sambodi - ist das Erwachen von allen gemeinsam. Deswegen „benötigt“ Buddha uns genauso wie wir ihn.

Ein Gelübde ist auch: Ausdruck des Glaubens an mich selbst, des Respektes mir gegenüber. Weichen wir ständig aus, geben wir uns wissend unseren Gewohnheitsenergien hin, ist das auch ein Ausdruck mangelnden Respektes uns selbst gegenüber - unseren Möglichkeiten gegenüber. Buddhas Weg in unserem Leben gegenüber.

Ich habe mich lange gefragt, warum in dem Schweigekloster in Kalifornien als einziger Satz „Diese Übung beginnt erst dann, wenn die Abneigung mir selbst gegenüber aufhört“ in großen Lettern im Essensraum prangte.

Mangelndes Selbstwertgefühl ist eine Form der Unterdrückung genauso wie es eine Form der Unterdrückung darstellt, wenn ich andere zu manipulieren versuche. Es leugnet die Buddha-Natur aller Wesen. Daher müssen wir uns wirklich gut, richtig gut, kennenlernen.
Frieden schaffen. Befreien.
Hierin ist unsere Übung zutiefst sozial.

Krieg, gesellschaftliche Unterdrückung, Umweltverschmutzung, Ressourcenraub sind eine Beleidigung für den Buddha. Jenen und den anderen. Nur beide können wirken. Yuibutsu yobutsu.

Dem Buddha-Weg zu folgen bedeutet, Vertrauen in das Glück anderer und das Leben als Ganzes zu entwickeln.

Das erscheint zunächst ziemlich groß.
Wir können damit beginnen, es für uns selbst zu erwirken. Schritt für Schritt, Fehlschritte inklusive. Diese insbesondere. Das Zurückgehen ist mindestens genauso wichtig wie das Vorankommen. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Bis wir damit halbwegs durch sind, dauert es ein wenig. Wir sollten uns dabei besser nicht umschauen.

Tun wir es schlussendlich, haben sich all die anderen, vor uns, hinter uns und um uns, längst hinter uns gesellt. Ihre Tür stand immer offen. Sie haben niemals an uns gezweifelt und freuen sich unbändig, fortan nicht mehr alleine zu sein.

Gassho, Juen

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Glaube nichts! Glaube alles, alles!

„Sich nicht auf Wort und Schrift zu verlassen“ gilt, seit Zen in China einzog, als einer der Grundsätze unserer Übung.
„Ein gemalter Reiskuchen macht nicht satt“ - wir müssen unsere Erfahrungen selber machen, sie können nicht erlernt, erlesen oder kopiert werden.
In leuchtendem Rot prangte über der riesigen Spüle in Kalifornien: „Glaube nichts!“

Das ist die eine Seite und es ist vielleicht diejenige, die manchen von uns im Zen anfangs gut gefällt. Endlich müssen wir nichts mehr glauben! Vor allem: müssen wir nicht erst sehr lange glauben, bevor irgendetwas geschieht. Und: wir müssen all das nicht glauben, was wir ohnehin noch nie so richtig glauben konnten, tief in unserem Innersten.
Wir können ab jetzt unsere eigenen, ureigenen Erfahrungen machen - unbenommen äußerer Vorgaben wie „richtig“ und „falsch“. Die Wertung ist uns vollkommen selbst überlassen. Nur wir selbst wissen, ob unsere Erfahrungen echt sind oder bloß eine weitere Spiegelung von außen.
Wir können munter darauf los erfahren und neugierig endlich, endlich unsere eigenen Erfahrungen machen. Ein anderes Leben erscheint.

Allerdings: wir kommen nicht umhin, hierfür einiges abzulegen. Denn um „das Gesicht zu wenden und das Mark zu erzielen“ müssen wir in vieler Hinsicht von vorne anfangen. Komplett. Zurück auf Null. In vielem, was uns vollkommen selbstverständlich erscheint.
Wie wenn wir eine ganz neue Sprache lernen. Zumindest habe ich mich lange so gefühlt.

Machen wir eine Liste von Dingen, die wir an uns schätzen, die wir in unserem Leben mögen. Fügen wir noch unsere wichtigsten Umgangsmechanismen mit unliebsamen Situationen hinzu. Und Dinge, von denen wir felsenfest überzeugt sind. Vergessen wir ein für alle Male das Wörtchen „man“ oder Satzanfänge wie: „Ich habe gelesen...“, „in soundso steht aber...“. Da ist noch mehr, was wir ablegen sollten, um dichter herantreten zu können. Es geht immer noch ein wenig näher.
Das ist der Preis. Er ist hoch. Für viele ist er zu hoch.
Das ist die eine Seite.

Gleichzeitig ist unsere Übung unmöglich, ohne zu glauben. In der gesamten Geschichte des Buddhismus, noch lange vor der Entwicklung des Zen, hat Glaube, shraddha in Sanskrit, im Leben der Meditierenden eine große Rolle gespielt.
Auch hier, wie in so vielen anderen religiösen Traditionen, hilft es sehr, zu glauben. Zunächst.
Jemand kommt zum ersten Mal zu uns und wir rezitieren das Herzsutra, einen Text auf altjapanisch. Beim Mitsingen glauben wir, dass dies auf Schriften beruht, die etwa im achten Jahrhundert von Indien nach China gelangten. Wir glauben, dass ihr Inhalt im Kern mit dem, was wir selbst für gut halten, übereinstimmt.
Gerade am Anfang beim Sitzen hilft es enorm, zu glauben, dass diese unbequeme Haltung wirklich gesund und heilsam ist. Unterstützend wirkt hierbei die jahrtausendelange Tradition, aber sie ist kein Garant.
Nach einer Weile wird der Sitzende die Lehren Buddhas mit seinen eigenen Erfahrungen verbinden und von jetzt an vermengt sich Erfahrungs“wissen“ mit Glauben.
Im Gegensatz zum Beispiel zum Christentum, in dem Glaube immer eine zentrale Rolle spielt, wird im Laufe unserer Übung unser anfänglicher Glaube verwandelt. Wie alle Meister nicht müde werden zu betonen, machen wir einen großen Unterschied zwischen dem Glauben, dass wir kein eigenständiges Ich besitzen und der Erfahrung, dass es tatsächlich so ist.


Es gibt ganz verschiedenen Arten von Glaube: an bestimmte Worte oder Personen. An Dinge, die ich nicht nachprüfen kann. Glaube, der daraus resultiert, weil etwas sich ständig wiederholt wie: mitten im tiefsten Winter - irgendwann Frühlingserwachen.

Glaube im Buddhismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass unsere Übung irgendwann die Wahrheit bezeugen wird - unsere eigene Buddha Natur.
Daher konnte der Buddha sagen: „Das große Tor der Lehre Buddhas wird geöffnet durch die Tür des Glaubens“.

Dogen Zenji:
„Wenn alle Dharmas diese (eine) Wirklichkeit bezeugen - sie zeigen -, dann ist das so, selbst für ein Staubkorn, für Gräser, für Bäume. Der eine Geist ist das Dharma, alle Dharmas sind der eine Geist, sind der gesamte Körper“.
Auch Meister Mazu‘s „Dieser Geist ist Buddha“ besagt nichts anderes.
Es gibt nichts außerhalb Buddha.

Ohne Glauben an diesen Weg könnten wir uns nicht so regelmäßig treffen. Wir glauben an die Grundlagen für ethisches Handeln, an ihren Erhalt, an die beschützende Kraft unserer Rakusu, an die Vier Gelöbnisse, an die Zufluchtnahme, an unsere Reue. Unsere Übung ist auch Glaube.

Zazen ist Glaube.
Wie sonst wollen wir erklären, dass wir nach nichts suchen, nichts anstreben, nichts „denken“? Stundenlang. Unser Leben dafür umkrempeln. Uns immer wieder hinsetzen. Seit Jahren. Unter teilweise nicht unerheblichen körperlichen und seelischen Schmerzen?

Das „Selbst vergessen“ ist Glaube. Unser endloses Suchen nach Bestätigung, nach Geschichtenerzählen und Gewinn erhaschen wird umso kleiner, desto mehr unser Glaube wächst.
Worin? Uns in Buddhas Haus zu werfen, werfen zu können. Uns jenem anderen zu überantworten, das wir Buddha nennen. Allem anderen. Es erscheint, wenn wir „shinjin datsuraku“ erfahren, das Abfallen von Körper und Geist.

In unserem Zazen geschieht dies. Ob wir es wahrnehmen oder nicht. Echtes Zazen - nicht sitzen und Denken denken, nicht sitzen und Dramen erfinden, sondern echtes Zazen - ist eine Handlung, die frei ist von jeglicher Selbstbesorgtheit.
Wir bilden keine Meinungen, wir haften nicht an, wir verabscheuen nicht.
Während dieses Zazen halten wir alle Precepts ein.
Während dieses Zazen haben wir das Selbst vergessen.
Während dieses Zazen sind wir Buddha.
Ob wir es glauben oder nicht.

Gassho,
Juen


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