Sansuikyo – das Sutra der Berge und Wasser

In unserer Sangha haben wir uns in den letzten Wochen mit Meister Dogens „Sutra der Berge und Wasser“ beschäftigt.

Wie immer bei Dogen, geht es in diesem wunderbaren Kapitel weniger um eine romantisierende Naturbetrachtung, auch nicht unbedingt um die Betrachtung der Berge und der See als Rückzugsort, sondern um „die Berge und Wasser in uns“. Unter den vielen beeindruckenden Sätzen dieses Sutras fällt ein Ausdruck besonders ins Auge: ... „Obschon Berge dem ganzen Land gehören: Berge gehören jenen, die sie lieben“...

Weil Liebe – „Berge versetzen kann“, indem sie die Illusion des Getrenntseins scheinbar mühelos aufhebt und weichspült. Im Zen sprechen wir selten von „Liebe“, vielleicht, weil es ein strapaziertes Wort ist. Verbundenheit ist eine Ausdrucksform von Liebe. Innen- und Außenwelt bestehen weiterhin fort, gleichzeitig kommunizieren sie ständig miteinander. Indem ich „die Berge“ nicht länger aus der betrachtenden Perspektive ansehe, sondern mich aufmache, sie tatsächlich zu betreten, verändert sich alles. Für die Skeptiker: dabei muss ich mich fast nicht bewegen. Es ist eine ganz feine Wendung, sozusagen nur der Hauch einer Drehung.

Schon wandeln sich die Berge vom Objekt, das ich betrachte, auf dem ich vielleicht gerade stehe, zu einer Landschaft, die auch mich betritt. Gleichzeitig. Zwei Richtungen, eine Linie. Das geschieht ohnehin, mit oder ohne unsere Wahrnehmung.

Wenn wir uns aber entscheiden, die bestehende Verbundenheit zu spüren, zu beleben, zu sein, verändert sich alles. Zunächst einmal bin ich nicht mehr allein. Mit voranschreitender Praxis bin ich immer seltener „ich“ und immer häufiger „wir“. Des weiteren nehme ich mich zunehmend auch als festen Bestandteil der Welt der Berge als Berge wahr. Diese Berge wandern schon allein deswegen, weil sie nicht das Symbol von Erwachen darstellen, sondern weil sie die Verwirklichung von Erwachen sind.

Die Berge wandern, weil die Wirklichkeit selbst sich ständig in Bewegung befindet. Wenn wir uns verbunden fühlen, haben wir kein Problem mit dem „steten Wandern“, im Gegenteil, wir finden es angenehm, denn letztendlich leiden wir weniger. Berge lehren uns Proportionen, Maß halten, körperliche Grenzen, Demut. Sie zeigen uns sehr deutlich, dass wir nicht im Zentrum ihres Universums stehen. Gleichzeitig lehren sie uns, dass wir uns nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie wir denken. Wir sind eingebettet in die Berge, diese sind eingebettet in uns, während wir uns zwischen ihnen bewegen und uns beide darin sehen und betrachten können. Es ist nicht erforderlich, dass wir etwas neu entdecken, transzendieren, verbessern, erlangen. Berge stehen nicht über den Elementen. Sie drücken diese aus, so wie der Fluss das Fließen ist.

Wir sitzen Zazen. Zazen sitzt uns. Wir betreten die Stille. Die Stille betritt uns. Es ist eine einzige, ständig bewegte, gegenseitige Wechselbeziehung. Sie wird bestimmt vom Grad der Aufmerksamkeit, die wir ihr schenken, von der Entschlossenheit, mit der wir bereit sind, „es miteinander zu versuchen“ und von dem Mut, der sich zeigt, wenn wir dazu bereit sind, uns nicht länger zu verstecken. Vor uns selbst, denn sichtbar für alle anderen, einschließlich Steinen, Kiesel, Bambus und Laternen im Garten sind wir alle schon sehr lange. Wir sind es: „seit anfangsloser Zeit“. Wir werden gesehen, wir werden geliebt, wir werden verstanden.

Nur wenn wir uns nicht „vor uns selbst“ zeigen, werden wir selbst immer unter einer trüben Sicht leiden, sowohl nach innen als auch nach außen, werden uns Brückenschläge zu Neuland schwerfallen, werden unsere tiefsten Sehnsüchte nur schwer erfüllbar sein.

Unsere Praxis nimmt uns nicht aus dem Leben in etwas Besseres. Vielmehr deutet sie in einer schier grenzenlosen Abfolge an Nuancen wieder und wieder auf unsere Untrennbarkeit von unseren Leben miteinander, einschließlich dem der Berge und Flüsse hin. Denn Berge, innen wie außen, gehören denen, die sie lieben.

Gassho, Juen

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