December 2019

WWS Jahreskarte 2020


Alles ist geschenkt, alles wird Geschenk

Passend zur Jahreszeit führte uns neulich ein Dharma-Gespräch über Mitempfinden zum Thema Dankbarkeit: „Dankbarkeit ist eine Grundlage für Mitgefühl.“

Interessanterweise sprechen wir in unserer Praxis recht selten explizit über Dankbarkeit. Sie erscheint dennoch an vielen Stellen, zum Beispiel in den Essensversen, als Aufforderung und auch als Mahnung, uns daran zu erinnern, wie und woher wir diese Speisen empfangen.

Vielleicht liegt das etwas versteckte Auftreten von Dankbarkeit auch daran, dass in der Zen-Tradition Großzügigkeit und Dankbarkeit immer gemeinsam hervortreten: im dana paramita, der Tugend des Gebens. Die Praxis des dana erkennt, dass keine Trennung besteht zwischen Geschenk, dem Empfänger und meiner Rolle als Gebender.

Kaiser Wu: „Was ist mein Verdienst?“
Bodhidharma: „Nichts.“

Die „drei Räder“, Gebender, Empfänger und Gabe sind immer „leer“: das dana paramita handelt vom freien Geben und freien Empfangen.

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Die Praxis des dana kann uns helfen, unsere rauen Ecken weicher werden zu lassen, unserer Kleinlichkeit, Enge und Furcht umzuwenden: im Vertrauen, dass wir schon immer reich beschenkt sind und verbunden sind mit allem und allen.

Für Dogen Zenji bedeutete dana zuallererst: nicht anhaften, nicht stehen bleiben, mitschwingen: „…selbst ein Grashalm ist ein Schatz, den wir geben sollen – so lassen wir die Wurzeln des Guten wachsen.“
„Im täglichen Leben, in Arbeit und Geschäft gibt es nichts, was kein Akt des Gebens ist.“
„…das Empfangen des Körpers und das Loslassen des Körpers sind Akte des Gebens.“
(aus Bodaisatta Shishoho)

Geben und Empfangen auf diese Weise zu verstehen, ist gewaltig und lässt nichts in unserem Leben aus: alles ist geschenkt, alles wird Geschenk.

In der Praxis von dana geht es daher weniger um die Inhalte an sich (die „Gaben“), sondern um unser Inneres, unsere Haltung , unser Herz und die Art und Weise, wie wir die An-Fragen dieser Welt beantworten.

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Wir befinden uns hierbei immer irgendwo auf dem Kontinuum zwischen eng/engherzig und weit, eingeschlossen/dunkel und offen/hell, starr/erstarrt und nachgiebig/verzeihend, besitzbar/unveränderlich und frei/flexibel antwortend.
Auf diesem Kontinuum, dem Strom unseres Lebens folgend, befindet sich jeweils der Ort sowie der Raum, an dem unsere Übung gerade ihren Platz hat, hier findet sie momentan statt. Wir können diesem Ruf einfach folgen.
Wir müssen hierzu nicht perfekt sein. Es genügt, unserem Gelübde immer wieder aufs Neue zu folgen: zum Wohle aller zu üben.
Das ist alles.

Ein Mönch fragte Baizhang:
„Warum ist das Geben das Eintrittstor zum Bodhisattva-Weg?“
Baizhang antwortete:
„Dies ist so, weil die Übung des Gebens eine Übung des Loslassens ist.“
Der Mönch fragte daraufhin:
„Was wird denn losgelassen?“
Baizhang sagte:
„Du lässt enge Sichtweisen los. Du lässt die Vorstellung los, dass die Dinge klein sind und fest, begreifbar und besitzbar.“
(Baizhang Huaihai - jap. : Hyakujō Ekai - Zen-Meister zur Zeit der Tang-Dynastie, 8. Jhdt.)

Gassho,
Juen & Nanzan

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Kanzeon: eins mit dem Herzen

In der bis heute durch ihr wohlbehaltenes, mittelalterliches Flair geprägten fränkischen Stadt Bamberg ragen beim Blick auf die Firste zahllose Heilige in den winterlichen Abendhimmel. Selbst aus der Distanz heraus sind die ziselierten Details der Figuren gut sichtbar. Was haben diejenigen, die sie so hoch oben errichteten, sich damals gedacht, was haben sie empfunden, vor mehr als einem halben Jahrtausend?
Sie können nur eines im Sinn gehabt haben: ein Angebot anzubieten, um zu hören, aufzunehmen, zu trösten und ein Zeugnis zu geben von jenem Einen, an das sie glaubten.

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In dieser Tradition, wenngleich ein paar Tausend Kilometer weiter östlich, ist auch das „Enmei Kannon Gyo“ zu verstehen: Bodhisattva Kanzeon hört die Rufe und Klagen der Welt.

„Yo butsu u in“ 與佛有因 spricht hierbei all das an, was uns (und allen mit uns) hilft, um wach zu werden und klar zu sehen: die Energie, die wir selbst in unsere Praxis geben. Unser Wille, das Heilsame und Gewaltlose zu wählen, immer wieder neu. Stille. Unser Innehalten und das Besinnen auf das, was zählt. Unser Herzensdenken. Zazen. Das Bodhisattva-Gelübde.

„Yo butsu u en“ 與佛有縁 beschreibt alle äußeren förderlichen Umstände, die uns auf diesem Weg ununterbrochen helfen: unsere Gemeinschaft, Lehrende, ein Ort, um zu üben. Freunde, Familie. Jede Begegnung. Unsere Wirklichkeit, „die 10.000 Dinge“. Genau dieser Tag. Avalokiteshvaras tausend Hände.

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Von alleine jedoch wird die Statur nicht auf den First gelangen.
Wir sind gefragt und was hierbei vor allem zählt, ist unsere Absicht, unsere Intention, unsere allererste Ausrichtung: wie es der Achtfache Pfad für uns beschrieben hat.
Alles entsteht von hier, einschließlich jenem allumfassenden Einen, in uns selbst wie „außerhalb“ davon und das, wir Buddha nennen.
Nen nen fu ri shin ...

Gassho,
Juen & Nanzan


KANZEON
NA MU BUTSU
YO BUTSU U IN
YO BUTSU U EN
BUP PO SO EN
JO RAKU GA JO
CHO NEN KANZEON
BO NEN KANZEON
NEN NEN JU SHIN KI
NEN NEN FU RI SHIN


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Eiscreme und die 10.000 Schritte

Zazen ist eine Haltung des Mitgefühls und des Mitempfindens. Aufrecht sitzend, mit fließendem Atem begegnen wir den Dingen, erkennen und respektieren wir einander. Klar und unmissverständlich ruft uns unser Leben, klar und deutlich geben wir ihm eine Antwort aus der Tiefe unseres Atems heraus. Diese erscheint plötzlich, wenn wir still genug geworden sind, um die Dinge beim Namen zu nennen. Alles steht mit allem in Verbindung und fügt sich ein in den uralten Rhythmus von Raum, Zeit und Klang.

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Mitgefühl wiederum benötigt eine Haltung, einen Rahmen, in dem es sich aufhalten und in dem es wachsen kann. Sonst wird es nicht nachhaltig sein und rasch vergehen, eine schwebende Emotion ohne eine feste Basis. Zazen kann einen derartigen Rahmen anbieten: solide und uralt vermag es das Zazen, unseren Körper, unseren Atem und unseren Kopf miteinander in schwingenden Einklang zu bringen.

Hierdurch tritt eine oftmals ungewohnte Nähe hervor, die manche anfangs als intime Zumutung erfahren mögen. Gleichzeitig entsteht Distanz und Disidentifikation, was in guter Zen-Tradition scheinbar paradox notwendig ist für eine solide Haltung des Mitgefühls. Um „mit allen“ fühlen zu können, muss ich mich auf einen gewissen Abstand zu mir selbst einlassen, zumindest so viel an Abstand, dass ich mich selbst ein wenig betrachten kann. Riesiges Gefühl, weite Distanz. Eiscreme für alle und 10.000 Schritte pro Tag. Das ist das Leben eines Bodhisattvas.

Gassho,
Juen und Nanzan


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