Sōjun Mel Weitsman Roshi



Sōjun (
宗純) Mel Weitsman Roshi (9. Juli 1929 – 7. Januar 2021)

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Heute, in den frühen Morgenstunden unserer Zeit, verstarb nach längerer Erkrankung unser geliebter Lehrer Hakuryu Sojun Mel Weitsman Roshi.

Sein sanftes Wesen und seine Freundlichkeit, die durchaus eine große Entschlossenheit und Klarheit offenbaren konnten, bestimmten über fünfeinhalb Jahrzehnte hinweg den Stil der Praxis im Berkeley Zen Center.

Wir schätzen uns unglaublich glücklich, dass wir ihm begegnen und mit ihm gemeinsam Zazen sitzen konnten. Seine Energie im Zendo und unsere Gespräche mit ihm haben uns tief geprägt.

Es war Sojun's tiefster Wunsch, dass wir unser gesamtes Leben als Feld unserer Übung begreifen mögen und das Dharma lebendig halten.

Wir verbeugen uns in großer Dankbarkeit.

In Gassho,
Juen und Nanzan



WWS Jahreskarte 2021




Die Verwirklichung des Wesentlichen

Genjōkōan - Die Verwirklichung des Wesentlichen
Da alle Dinge BuddhaDharma sind, gibt es Verblendung und Erwachen, Übung, Geboren werden und Sterben und es gibt Buddhas und fühlende Wesen. Da die zahllosen Dinge ohne festes Ich sind, gibt es keine Verblendung, kein Erwachen, keinen Buddha, keine Menschen, kein Geboren werden und Sterben. Da der Buddha-Weg seinem Wesen nach jenseits von Kargheit und Fülle reicht, gibt es Geboren werden und Sterben, Verblendung und Erwachen, Menschen und Buddhas. Dennoch welken Blütenblätter obgleich wir sie mögen; Unkraut sprießt obschon es uns nicht gefällt.
Sich selbst auf die Dinge bewegen, um Übung und Erwachen auszuüben, ist Verblendung. Dass die zahllosen Dinge hervorkommen und sich selbst verstehen, ist Erwachen. Es sind Buddhas, die Verblendung erkennen. Es sind Menschen, die Erwachen verkennen. Ferner gibt es solche, die fortwährend jenseits von Erwachen erkennen und solche, die in der Verblendung noch mehr verirren.


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Dieses Kapitel von Dogen Zenji, das wir seit geraumer Zeit gemeinsam besprechen, handelt von dem, wonach wir alle streben: möglichst gut, möglichst heilsam in unserem Alltag zu üben, sowohl gemeinsam als auch jede und jeder für sich.

Wir als Bodhisattvas leben in dem Dilemma der Vereinbarkeit an Erwartungen, an für die meisten tendenziell steigenden Anforderungen unseres alltäglichen Lebens. Dafür ist gerade das zur Neige gehende Jahr ein gutes Praxisbeispiel - und den Rückzugsmöglichkeiten, welche das Zazen anbieten kann.
„Wenn Du sitzt, dann musst Du nicht über die Bedeutung des Zazen nachdenken“, hat Shunryu Suzuki in seinem Buch „Beginner‘s mind“ gesagt. Das ist zutreffend.

Ein bisschen intellektuelles Verständnis ist jedoch auch für die praktische Übung des Zazens durchaus hilfreich.
Vom Zazen zuhause oder im Zendo folgt irgendwann der Schritt hinaus in die „Welt der 10.000 Dinge“: spätestens dann hilft es, unsere kopflichen Überlegungen mit den Erfahrungen der Stille zu verbinden in die Symbiose von beiden: erwachte Handlung.
Um sie geht es in diesem Kapitel aus dem Shobogenzo, vielleicht ist es auch deswegen so berühmt.


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Wohin auch immer
ich schaue
Finde ich mich selbst
Was ist es?

Was mache ich (mit meinem Leben)? Vor allem aber: wie? Und: wie ist dies vereinbar mit dem, was ich möchte? Ist das vielleicht das Gleiche? Und wenn nicht oder nicht immer, warum? Wie entstehen diese Diskrepanzen, wie fühlen sie sich an?
Oder: wann leiden wir besonders?
Buddhistisch betrachtet, ist die Antwort klar. Wir leiden immer dann, wenn wir an unserer Vorstellung eines unveränderbaren „Selbst“ haften.
Wie merke ich das?
Wann fällt es mir besonders schwer?

Wie oben ausgeführt, werde ich weniger leiden, wenn es gelingt, meine Vorstellung davon, wie die Dinge und ich selbst zu sein haben, verschwinden. Ich muss nicht dauernd von meiner Außenwelt durch mein Tun bestätigt werden. Die zahllosen Dinge treten vielmehr hervor und bestätigen mich. Das geschieht einfach, wie auch „Erwachen“ weniger einen proaktiven Zustand als den eines Innehaltens und leicht werdens darstellt. Dies üben wir auf dem Kissen, um es dann in unseren Alltag, in unser Sein zwischen Frühlingsduft und Herbstlaub, kontinuierlich mit einzubinden.
Durch mein Segeln mache ich mein Boot erst zum Boot.
Der zinnoberrote Faden aller Buddhas drückt sich nirgendwo anders aus als hier, heute, jetzt.

Wasservögel kommen und gehen
Ihre Spuren verschwinden
Aber niemals
Vergessen sie ihren Weg

Dogen Zenji

Gassho, Juen


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Kshanti

"Kshanti" wird oft mit "Geduld" übersetzt. Hiermit ist weniger ein abwartendes Verharren gemeint, als eine Haltung der Stabilität und Beständigkeit, die von innerer Offenheit und "Herzensweite" (Thich Nath Hanh) geprägt ist.
Wie können wir Geduld üben in einer schwierigen Welt?
Es ist relativ leicht, Meditation, Großzügigkeit und ethisches Verhalten zu üben, wenn die Dinge glatt laufen.

Aber wenn die Dinge auseinanderfallen, wenn unser Leben schwierig ist, fallen wir allzu leicht in alte Verhaltensmuster zurück. Es ist ein natürlicher Reflex, dass wir uns abwenden, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Niemand möchte sich Schmerzen zuwenden. Wenn ein schmerzhaftes Gefühl auftritt, möchten wir diese Erfahrung vermeiden, beenden. Wir haben Angst, sie zu berühren.

Wir schalten den Fernseher an. Wir verbringen Stunden am Computer. Wir essen eine Tüte Chips. Wir kaufen ein. Wir trinken zu viel. Wir suchen und finden heutzutage sehr leicht etwas, wie wir uns beschäftigt und innerlich taub halten können. Statt in unser Bewusstsein eingeladen zu werden, verschwindet dieses Gefühl dann unter der Oberfläche und betritt jede einzelne Zelle unseres Körpers. Die Empfindung geht nicht weg, denn unser Körper vergisst nicht.

Eine häufige übliche Reaktion ist, dass wir uns beklagen. Warum betrifft das mich? Warum stößt mir das zu? Wir tun manchmal so, als ob es nicht wahr ist, verleugnen, lehnen ab.

Oder wir suchen einen Schuldigen: andere, oder, oft schlimmer: Uns selbst. Warum ich schon wieder? Kannst Du nicht… Schuldzuweisung kann auch eine Art der Verleugnung sein.

Die Gefahr ist, dass wir eine verbitterte, sarkastische oder depressive Person werden.

So lasst uns daran arbeiten, dass dies nicht passiert. Hier hilft uns die Übung von kshanti paramita.

Denn mit der Praxis von kshanti üben wir ein, das Gegenteil zu tun: uns der Schwierigkeit zuzuwenden und sie als Verbündeten zu umarmen. Wenn schwierige Dinge in unserem Leben geschehen, wenden wir uns ihnen zu und sehen, was wir tun können.

Der Begriff Geduld ist vielleicht mit einer irreführenden Assoziation behaftet. Wenn wir geduldig sind, ist es, auf als ob wir auf etwas Besseres warten. So wie Kinder mit Geduld Schwierigkeiten haben.

Traditionell wurden drei 3 Felder der Übung unterschieden:
1. Geduld mit eigenem Schmerz und eigenen Schwierigkeiten
2. Geduld mit dem Leiden, das durch andere verursacht wurde (im Umgang mit anderen)
3. Geduld mit den schmerzhaften Wahrheiten unseres menschlichen Lebens.

Wir üben Geduld mit dem, was ist. Wir erkennen zunächst an, was ist, ohne sofort beurteilen zu müssen, ob es gut oder schlecht ist. Dies ist die Praxis, zu erlauben, was ist.

Gassho,
Juen und Nanzan


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Die Paramitas

Der Weg eines Bodhisattva ist durch sechs Weisen der Übung gekennzeichnet, welche als Paramita bezeichnet werden.
Das Wort Paramita wird üblicherweise als Vollkommenheit übertragen. Wörtlich bedeutet "param" die andere Seite und "ita" bedeutet gegangen. Paramita heißt also "zur anderen Seite gegangen". Die Paramitas werden auch als Tugenden bezeichnet, welche uns ans andere Ufer der Weisheit, zum Wachsein und Erwachen, führen können.

Im 1. Jhdt. formuliert, spricht man, vor allem in der Mahayana-Tradition, von den sechs Paramita, welche im Lotos-Sutra so angegeben werden:

1. Großzügigkeit / Geben (Dāna paramita),
2. Ethisches Verhalten (Śīla paramita),
3. Geduld (Kṣānti (kshanti) paramita ),
4. Energisches / freudiges Bemühen (Vīrya paramita),
5. Meditation / Sammlung (Dhyāna paramita),
6. Weisheit / Verstehen / Einsicht (Prajñā paramita ).

In den Paramita werden alle Bereiche unseres Lebens aufgerufen. Das ist auch deswegen wichtig, weil nicht genug betont werden kann, dass unsere Übung nicht aus Meditation alleine besteht. Sie mag zwar die Säule unserer Praxis darstellen, ohne Mitgefühl in Handlung jedoch ist sie wertlos (Dana und Sila).

Natürlich ist es nicht möglich, alle sechs Paramitas zu jeder Zeit vollkommen, perfekt zu praktizieren, im Zendo und vor allem jenseits davon. Ähnlich wie unsere Intention bei den Grundsätzen für ethisches Handeln oder der Haltung, mit der wir die vier großen Gelöbnisse rezitieren, ist das wichtigste, immer wieder neu zu ihnen zurückzukehren. Wir versuchen, uns an sie zu halten. Wir vergessen sie und wir erinnern uns. Wir freunden uns mit ihnen an. Wir weichen ab und kommen zurück. Wir sehen das andere Ufer. Wir haben dann einen freien Blick darauf, wenn wir all unsere Intention, Begeisterung und Hingabe hineinlegen und dies durch unsere Handlungen sichtbar machen.
Das ist der Geist, mit dem die sechs Vollkommenheiten geübt werden.

Gassho, Juen und Nanzan


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