Der gewöhnliche Geist ist der Weg

Dieses Koan aus dem Mumonkan (Fall 19) handelt von einer Frage des ehrwürdigen Joshu an seinen Lehrer Nansen. "Was ist der Weg?" fragt der damals bereits ca. 50 Jahre alte Joshu seinen Lehrer, mit dem er bereits seit über 30 Jahren übt. Die beiden kannten sich also gut und daher rührt dieses Koan umso mehr, denn Nansen versucht, seinem Schüler die für ihn passende Antwort zu geben. Für Dogen war es nach seiner Rückkehr aus China die "Nase vertikal und die Augen horizontal".

Also ein gewöhnlicher Weg? Gar ein beliebiger?
Ein unverstellter Weg. Der die Wichtigkeiten sich selbst sortieren lässt und dort Biegungen macht, wo es nötig ist, an anderer Stelle wiederum alles daransetzt, den Boden zu biegen und den einmal angestrebten Weg zu halten.

Mit einem Griff, der locker ist und federleicht wirkt wie ein schönes Winterballett. Oder eine Zeichnung von Picasso, eine Kalligrafie von Ryokan. Unschuldig und "naiv" aus Erkenntnis, Praxis und Erfahrung. Das unterscheidet ein "baba wawa" aus dem Juwelenspiegel-Samadhi von jahrelanger Praxis. Nach außen hin können beide ident aussehen. Fast. Denn nahezu immer erkennt ein Wanderer seinesgleichen – am Klang seiner Sohlen.

Gassho, Juen
 

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Ein Sanghatag der ganz besonderen Art

... fand letzte Woche statt, unser erster in langer Zeit.

Obschon mehrfach verschoben und nun inmitten der Ferienzeit, freuten wir uns über ein Zusammenkommen von regelmäßigen Teilnehmenden und entfernt Wohnenden, von lange nicht mehr Gesehenen und am Donnerstag erst Verabschiedeten.

Natürlich klingt die Rezitation besonders gut, wenn viele zusammenkommen und wenn dann noch eine Oberstimme von hinten einschwebt, trifft sich die Erinnerung mit einem glücklichen Moment der Gegenwart.

Herzlichen Dank für Eure Reisen und den berührenden Austausch!

Juen und Nanzan


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Besuch aus allen Richtungen

Vor kurzem haben wir den (fast) regulären Ablauf im Zendo an unseren Donnerstagen wieder aufgenommen.

Nach 30 Monaten der Entbehrung, des verhaltenen Annäherns oder der sorgsamen Reduktion, war es eine große Freude, wieder nahezu "wie früher" zusammenzukommen. Erst da wurde sicht- und noch deutlicher spürbar, was so schmerzlich lange vermisst wurde. Nun gilt es, die freudige Routine wieder aufzunehmen.

Fast um uns etwas zusätzlichen Rückenwind hierin zu verschaffen, durften wir uns am letzten Donnerstag über gleich vier neue Besucher freuen. Herzlichen Dank für Eure Visite und gerne auf ein gelegentliches Wiedersehen!

Juen und Nanzan


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Die drei Juwelen

Buddha, Dharma und Sangha stellen die drei Schätze und Pfeiler unserer Praxis dar.

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Buddha meint hier sowohl die historische Person des Shakyamuni als auch die Tradition, die sich seither mit zahlreichen Frauen und Männern fortsetzt. Menschen, die häufig unter größten Entbehrungen diesen Weg gegangen sind. Frauen, die sich oft durch viele Jahre der familiären sowie sozialen Zwänge und Hindernisse durcharbeiten mussten, bis sie ihre spirituellen Sehnsüchte verfolgen konnten. 
Buddha bezeichnet auch, und dies ist vor allem für unsere alltägliche Übung wichtig, den wachen, den erwachten und klaren Teil in uns, der weise entscheidet und eine hohe Fähigkeit zur Gegenwärtigkeit besitzt, der mitfühlend ist und sich um alle, von Spinnweben über gute Kost, dem Säubern des Komposteimers bis hin zu unseren Mitmenschen kümmern möchte. Buddha bedeutet ferner, dass wir unser Licht nach innen wenden und erkennen, dass die sogenannte Außenwelt und unser Innerstes nicht nur der kontinuierlichen Pflege bedürfen, sondern sich auf einem stetig wandelnden Kontinuum zwischen Deckungsgleichheit und Verschiedenheit bewegen.
 
Mit Dharma wird die buddhistische Lehre und die phänomenale Welt bezeichnet. Alles, jeder und jede, alle "fühlenden Wesen", können uns helfen, wach zu werden. Nichts ist zu nebensächlich als Objekt und Ausgangspunkt unserer Praxis. Zahllose Zen-Geschichten zeugen von einem Erwachen, wenn ein Stein auf einen Bambus trifft, die Zehe sich an einem Stein stößt, die Klosterglocke ertönt oder jemand hinter einem Fenster ein Sutra rezitiert. Nichts ist "außen vor", alles kann uns helfen, wach zu werden, zufrieden und glücklich.
Das beeindruckende Ausmaß allein der buddhistischen Primärliteratur unterstützt uns hierbei.
 
Als Sangha bezeichnen wir die Gemeinschaft der Übenden. Das gilt sowohl für die globale Gemeinschaft als auch besonders für die lokale Gruppe, mit der wir unseren regelmäßigen Übungsort teilen. Die Sangha stellt eine Interessensgemeinschaft der ganz besonderen Art dar. Nur wenig von dem gilt hier, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Zum Beispiel kommt es nicht darauf an, was wir "haben" oder "sind". Dafür kommt es umso mehr darauf an, wie wir miteinander sind, wie ernst wir es mit unserem Übungsweg meinen und wie sehr wir dazu bereit sind, uns in ihn hinein zu geben: und zwar mit allem, was wir sind und haben.
Eine Sangha ist zudem eine äußerst intime Form der Gemeinschaft. Nur wenn sie sich durch Integrität und Gleichwertigkeit, durch Toleranz und Zuwendung auszeichnet, kann sie eine Sangha genannt werden. In einer solchen Sangha werden Buddha und Dharma lebendig, wird alles sichtbar, kann und darf auf seine Tragfähigkeit hin getestet werden. Es gibt kaum einen so verzeihenden und gütigen Kreis wie den einer gesunden, lebendigen Sangha.

Gassho, Juen

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Ein weiter Bogen

Vergangene Woche endete für Juen und Nanzan ein weiter Bogen, der in den 1980er Jahren mit Schwester Ludwigis Fabian von der Sanbo Kyodan-Linie ihren Lauf nahm. Sr. Ludwigis war für etwa zehn Jahre unsere Lehrerin, sie begleitete unsere Zeit des Studiums und die ersten Berufsjahre, die von vielen Herausforderungen begleitet waren.

Danach folgten über zwanzig Jahre Zen-Training in den USA, die auch mehrere Jahre Klostertraining beinhalteten. In einem dieser Klöster lernten wir Kazuaki Tanahashi kennen. Mit ihm eröffnete sich eine Welt, die uns bislang verborgen gewesen war: die Welt des Pinsels. Begleitet wurde sie von einem intensiven Studium der Schriften Dogen Zenjis.

Seit zwölf Jahren sind wir mit dem Berkeley Zen Center verbunden, Sojun Mel Weitsman (1929-2021) und der heutige Abt, Hozan Alan Senauke sind unsere Lehrer. Wir haben am 8. Juli die Dharma-Übertragung erhalten und sind gespannt, wohin uns die spirituelle Reise nun weiter führen wird.

Große Dankbarkeit an alle, nah und fern, die uns auf vielfältige Weise auf unserem Weg unterstützt haben.

Gassho, Juen und Nanzan

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