Ein Reiher im Schnee

Anfang September fand im Lassalle-Haus, etwa 30 Minuten südlich von Zürich, eine internationale Zen-Konferenz statt. Die Referenten der mit 100 Personen bereits seit Frühjahr ausgebuchten Veranstaltung waren Muho Noelke, der frühere Abt des Kloster Antaiji, Doris Zölls, langjährige spirituelle Leiterin des Benediktushofes, Vanja Palmers, u.a. Gründer der beiden Zen-Juwelen Puregg in Österreich und Felsentor in der Schweiz, Paul Morgan-Sommers, einem spirituellen Lehrer aus Wales sowie Juen. Die Tagung wurde geleitet von Dieter Wartenweiler, dem aktuellen spirituellen Leiter des Lassalle-Hauses und der Malerin und Zenlehrerin Kathrin Stotz. Sie wurde eröffnet von Niklaus Brantschen S.J., der sich an Juen und Nanzans erste Lehrerin, Schwester Ludwigis, erinnerte, mit der er in Kamakura im Zendo gesessen hatte.

Das beeindruckend weitläufige und erst vor kurzem aufwendig renovierte Zentrum liegt malerisch an der Stelle eines alten Kurhotelgeländes oberhalb eines Tals und wurde in den 1960er Jahren als Tagungshaus des Jesuitenordens errichtet.
Das Gebäude hat Platz für ca. 80 Teilnehmer, die sich in den großzügigen Meditations- und Tagungsräumen oder in den lichtdurchfluteten Gängen begegnen können. Die Zimmer sind mit astlosem Vollholz ausgestattet, in reduziertem Mobiliar bewusst schlicht gehalten, von den überall stehenden, klaren Blumengestecken bis zu den Ruheterrassen und Plätzen scheint alles auf Einkehr und Reduktion ausgerichtet zu sein.

Im Rahmen der drei Tage gab es vielfältige Gelegenheiten für den persönlichen Austausch, so dass die jeweils einstündigen Frontalvorträge eingebettet wurden in Kleingruppen, Morgenmeditation und Pausengespräche. Abgerundet wurde die Vortragsreihe durch eine beeindruckende Bildergalerie, ausgesucht und vorgetragen von Kathrin Stotz, die uns durch die Tuschemalerei mehrerer Jahrhunderte führte, gepaart mit Zen-Gedichten. Die meisten Teilnehmenden hatten eine regelmäßige Praxis, die von Kontemplation bis zu überwiegend Soto-Zen reichte. Es tat gut, zu fragen: „Wie übt Ihr denn damit? Wie geht es Euch nach/inmitten von Corona?“

Es wurde in den Gesprächen immer wieder deutlich, dass Zen viele Gesichter und Ausprägungen bei uns hat – und einen gemeinsamen Körper.
Es bereitete mir Freude, in vier Workshops mit den vielfältigen Fragen der sehr interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer bestürmt zu werden.
Und so ist eine Zen-Reise wie diese immer Herausforderung, Abenteuer und Rückkehr zugleich. Eines jedoch schien in jedem Vortrag, Plenum und Workshop, in den Flurgesprächen und bei den gemeinsamen Mahlzeiten immer durch: wir mögen in verschiedenen Färbungen, Sprachen und auch Formen üben, mit Koans oder ohne. Wir mögen unseren Weg eher in Sesshins sehen als in der wöchentlichen Praxis mit einer Sangha vor Ort. Wir mögen Zen als Teil einer Religion betrachten oder losgelöst davon: der goldene Wind, der süße Tau und der Reiher im Schnee, sie alle sind aus dem gleichen Geflecht gewoben, das auch wir angetreten sind freizulegen und für uns fortwährend weiterhin zu entfalten.

Gassho, Juen

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Hören

Farben sehend, den Geist klärend, schlägt der alte Mann Shakyamuni einen Purzelbaum.
Klänge hörend, für den Weg erwachend, bietet der altehrwürdige Lehrer Bodhidharma seine Schale an.


Dogen Zenji, aus dem Eihei Koroku

Was wir hören, verbindet uns mit der Welt. Die Welt des Lauschens trägt eine ungegenständliche Sprache – wie unsere Praxis.

Wir können hören verstehen als „Alarm, aufhorchen“.
Wir können hören als „entziffern“ verstehen.
Es gibt das Gehörte, das wir mit unserer eigenen Geschichte verbinden und diesem eine Bedeutung zuschreiben.

In unserer Praxis hören wir nicht nur (auf) Schallwellen, sondern auch deren Verbindung und Tragweite.

Auch Stille klingt. Tatsächlich enthält sie, wie die Farbe Weiß, die wesentlichen Töne und reflektiert sie fortwährend. Ob wir sie vernehmen, steht auf einem anderen Blatt.

Klang eint, wir sind es, die unterscheiden.
In der Begegnung zwischen beiden ruft uns die Welt.

Gassho, Juen

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Was ist Buddha?

Daibai fragte Baso in allem Ernst: „Was ist Buddha?“
Baso antwortet: „Der Geist selbst ist Buddha“.
Mumonkan, Fall 30

Ein Mönch fragte Baso in allem Ernst: „Was ist Buddha?“ Baso antwortet: „Weder Geist noch Buddha“.
Mumonkan, Fall 33

Diese beiden Koans stehen nicht ohne Grund eng zusammen in der Koansammlung der „torlosen Schranke“.
Die Frage lautet: was ist Buddha?
Die Antwort könnte nicht unterschiedlicher ausfallen.
Zunächst haben die weisen Lehrer vergangener Tage ihre Antwort immer auf die jeweilige Situation zugeschnitten, die anscheinend völlig unterschiedlich gewesen sein muss. Hier benötigt ein Schüler, der vielleicht gerade etwas eindimensional dachte, einen Auftrieb, dort war es erforderlich jemandem, der gerade allzu genaue Vorstellungen hatte und meinte, diese festschreiben zu können, etwas Erweiterung.

Das zeichnet gute Lehrer aus und es spricht für die Wahrheiten der beiden Koans, dass sie in dieser obigen Form bis heute überliefert worden sind.

Was ist denn nun Buddha?
Fühlen Denken Riechen Schmecken Hören. Austausch. Es juckt das Knie. Ich habe verstanden! Empfindung Gedanke Bewusstsein. Oder doch nicht ganz? Wie lautet die Frage? Meine Frage? Kann es je eine Antwort geben?

Nicht beantwortete Fragen lassen uns voranschreiten, entdecken, staunen, uns anstrengen. Sie bewirken, dass wir uns in diesen Moment werfen als wäre es unser letzter. Ah, da kommt noch einer und noch einer. Und wieder von vorne.
Weder Geist. Noch Buddha. Weder hier. Noch dort. Weder Ich. Noch Alle.
Weder krank. Noch gesund. Weder Frage. Noch Antwort.
Nur ...

Gassho, Juen



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Der gewöhnliche Geist ist der Weg

Dieses Koan aus dem Mumonkan (Fall 19) handelt von einer Frage des ehrwürdigen Joshu an seinen Lehrer Nansen. "Was ist der Weg?" fragt der damals bereits ca. 50 Jahre alte Joshu seinen Lehrer, mit dem er bereits seit über 30 Jahren übt. Die beiden kannten sich also gut und daher rührt dieses Koan umso mehr, denn Nansen versucht, seinem Schüler die für ihn passende Antwort zu geben. Für Dogen war es nach seiner Rückkehr aus China die "Nase vertikal und die Augen horizontal".

Also ein gewöhnlicher Weg? Gar ein beliebiger?
Ein unverstellter Weg. Der die Wichtigkeiten sich selbst sortieren lässt und dort Biegungen macht, wo es nötig ist, an anderer Stelle wiederum alles daransetzt, den Boden zu biegen und den einmal angestrebten Weg zu halten.

Mit einem Griff, der locker ist und federleicht wirkt wie ein schönes Winterballett. Oder eine Zeichnung von Picasso, eine Kalligrafie von Ryokan. Unschuldig und "naiv" aus Erkenntnis, Praxis und Erfahrung. Das unterscheidet ein "baba wawa" aus dem Juwelenspiegel-Samadhi von jahrelanger Praxis. Nach außen hin können beide ident aussehen. Fast. Denn nahezu immer erkennt ein Wanderer seinesgleichen – am Klang seiner Sohlen.

Gassho, Juen
 

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Ein Sanghatag der ganz besonderen Art

... fand letzte Woche statt, unser erster in langer Zeit.

Obschon mehrfach verschoben und nun inmitten der Ferienzeit, freuten wir uns über ein Zusammenkommen von regelmäßigen Teilnehmenden und entfernt Wohnenden, von lange nicht mehr Gesehenen und am Donnerstag erst Verabschiedeten.

Natürlich klingt die Rezitation besonders gut, wenn viele zusammenkommen und wenn dann noch eine Oberstimme von hinten einschwebt, trifft sich die Erinnerung mit einem glücklichen Moment der Gegenwart.

Herzlichen Dank für Eure Reisen und den berührenden Austausch!

Juen und Nanzan


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