Gate, gate

Das Herzsutra, jener altehrwürdige Text, kann vieles: eine Anregung bieten zur Kalligrafie, zur gemeinsamen Rezitation, zum Erfahren von Gemeinschaft auch jenseits der eigenen Sangha, zum individuellen Mantrastudium, zum philosophischen Diskurs und natürlich und vor allem zur Meditation.

Als eines der bekanntesten Mahayana-Sutras beinhaltet es hat es die Essenz der Zen-Lehre: „Shunyata“ – oft im Deutschen als Leere bezeichnet.
Hiermit ist kein trostloses „nichts“ gemeint, sondern dass unabänderliche Tatsachen, abgesehen von den Gesetzen der Physik, die Ausnahme in unserem Leben darstellen. „Shunyata“ bedeutet: „leer von“ festen Vorstellungen, Annahmen, starken Meinungen.

Es bedeutet, flexibel reagieren zu können auf die jeweiligen Bedürfnisse der Situation, unter Einbeziehung von möglichst vielen Aspekten und der Tatsache, dass es keine Entscheidung gibt, die nicht von anderen, belebt und unbelebt, beeinflusst wird bzw. wiederum Einfluss nimmt auf uns und andere. Somit ist diese „Leere“ ein vibrierendes, ständig changierendes Feld der Begegnungen in die 10.000 Richtungen. Es ist radikal: weder Form, noch Empfindung, noch Alter, noch Tod, weder Fühlen noch Denken, weder Weg noch Erreichen.

Ja, was denn dann?
Form, Empfindung, Alter, Tod, Fühlen, Denken, Weg, Erreichen.

Und wo ist der Unterschied: im genauen Hinsehen, Hören, Schmecken. Jedes Mal. Wie nie gehört.
Die frischen Birkenblätter am abendlichen Teich. Berückend hellgrün. Jedes Jahr wieder bewundernswert und irgendwie immer eine Überraschung, ihr Rauschen, ihr Wippen im Wind, ihre sich täglich verwandelnde Farbe und Form.

Grund, staunend innezuhalten, um zu sehen, zu schmecken, zu hören und zu riechen. Bekannt, erinnert und doch und doch. Hingerissen von nur diesem. Bis zum nächsten Lüftchen.

Im April haben wir in unserer Sangha das Herzsutra zum Thema gehabt.

Gassho,
Juen


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Sōjun Mel Weitsman Roshi



Sōjun (
宗純) Mel Weitsman Roshi (9. Juli 1929 – 7. Januar 2021)

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Heute, in den frühen Morgenstunden unserer Zeit, verstarb nach längerer Erkrankung unser geliebter Lehrer Hakuryu Sojun Mel Weitsman Roshi.

Sein sanftes Wesen und seine Freundlichkeit, die durchaus eine große Entschlossenheit und Klarheit offenbaren konnten, bestimmten über fünfeinhalb Jahrzehnte hinweg den Stil der Praxis im Berkeley Zen Center.

Wir schätzen uns unglaublich glücklich, dass wir ihm begegnen und mit ihm gemeinsam Zazen sitzen konnten. Seine Energie im Zendo und unsere Gespräche mit ihm haben uns tief geprägt.

Es war Sojun's tiefster Wunsch, dass wir unser gesamtes Leben als Feld unserer Übung begreifen mögen und das Dharma lebendig halten.

Wir verbeugen uns in großer Dankbarkeit.

In Gassho,
Juen und Nanzan



WWS Jahreskarte 2021




Die Verwirklichung des Wesentlichen

Genjōkōan - Die Verwirklichung des Wesentlichen
Da alle Dinge BuddhaDharma sind, gibt es Verblendung und Erwachen, Übung, Geboren werden und Sterben und es gibt Buddhas und fühlende Wesen. Da die zahllosen Dinge ohne festes Ich sind, gibt es keine Verblendung, kein Erwachen, keinen Buddha, keine Menschen, kein Geboren werden und Sterben. Da der Buddha-Weg seinem Wesen nach jenseits von Kargheit und Fülle reicht, gibt es Geboren werden und Sterben, Verblendung und Erwachen, Menschen und Buddhas. Dennoch welken Blütenblätter obgleich wir sie mögen; Unkraut sprießt obschon es uns nicht gefällt.
Sich selbst auf die Dinge bewegen, um Übung und Erwachen auszuüben, ist Verblendung. Dass die zahllosen Dinge hervorkommen und sich selbst verstehen, ist Erwachen. Es sind Buddhas, die Verblendung erkennen. Es sind Menschen, die Erwachen verkennen. Ferner gibt es solche, die fortwährend jenseits von Erwachen erkennen und solche, die in der Verblendung noch mehr verirren.


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Dieses Kapitel von Dogen Zenji, das wir seit geraumer Zeit gemeinsam besprechen, handelt von dem, wonach wir alle streben: möglichst gut, möglichst heilsam in unserem Alltag zu üben, sowohl gemeinsam als auch jede und jeder für sich.

Wir als Bodhisattvas leben in dem Dilemma der Vereinbarkeit an Erwartungen, an für die meisten tendenziell steigenden Anforderungen unseres alltäglichen Lebens. Dafür ist gerade das zur Neige gehende Jahr ein gutes Praxisbeispiel - und den Rückzugsmöglichkeiten, welche das Zazen anbieten kann.
„Wenn Du sitzt, dann musst Du nicht über die Bedeutung des Zazen nachdenken“, hat Shunryu Suzuki in seinem Buch „Beginner‘s mind“ gesagt. Das ist zutreffend.

Ein bisschen intellektuelles Verständnis ist jedoch auch für die praktische Übung des Zazens durchaus hilfreich.
Vom Zazen zuhause oder im Zendo folgt irgendwann der Schritt hinaus in die „Welt der 10.000 Dinge“: spätestens dann hilft es, unsere kopflichen Überlegungen mit den Erfahrungen der Stille zu verbinden in die Symbiose von beiden: erwachte Handlung.
Um sie geht es in diesem Kapitel aus dem Shobogenzo, vielleicht ist es auch deswegen so berühmt.


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Wohin auch immer
ich schaue
Finde ich mich selbst
Was ist es?

Was mache ich (mit meinem Leben)? Vor allem aber: wie? Und: wie ist dies vereinbar mit dem, was ich möchte? Ist das vielleicht das Gleiche? Und wenn nicht oder nicht immer, warum? Wie entstehen diese Diskrepanzen, wie fühlen sie sich an?
Oder: wann leiden wir besonders?
Buddhistisch betrachtet, ist die Antwort klar. Wir leiden immer dann, wenn wir an unserer Vorstellung eines unveränderbaren „Selbst“ haften.
Wie merke ich das?
Wann fällt es mir besonders schwer?

Wie oben ausgeführt, werde ich weniger leiden, wenn es gelingt, meine Vorstellung davon, wie die Dinge und ich selbst zu sein haben, verschwinden. Ich muss nicht dauernd von meiner Außenwelt durch mein Tun bestätigt werden. Die zahllosen Dinge treten vielmehr hervor und bestätigen mich. Das geschieht einfach, wie auch „Erwachen“ weniger einen proaktiven Zustand als den eines Innehaltens und leicht werdens darstellt. Dies üben wir auf dem Kissen, um es dann in unseren Alltag, in unser Sein zwischen Frühlingsduft und Herbstlaub, kontinuierlich mit einzubinden.
Durch mein Segeln mache ich mein Boot erst zum Boot.
Der zinnoberrote Faden aller Buddhas drückt sich nirgendwo anders aus als hier, heute, jetzt.

Wasservögel kommen und gehen
Ihre Spuren verschwinden
Aber niemals
Vergessen sie ihren Weg

Dogen Zenji

Gassho, Juen


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Kshanti

"Kshanti" wird oft mit "Geduld" übersetzt. Hiermit ist weniger ein abwartendes Verharren gemeint, als eine Haltung der Stabilität und Beständigkeit, die von innerer Offenheit und "Herzensweite" (Thich Nath Hanh) geprägt ist.
Wie können wir Geduld üben in einer schwierigen Welt?
Es ist relativ leicht, Meditation, Großzügigkeit und ethisches Verhalten zu üben, wenn die Dinge glatt laufen.

Aber wenn die Dinge auseinanderfallen, wenn unser Leben schwierig ist, fallen wir allzu leicht in alte Verhaltensmuster zurück. Es ist ein natürlicher Reflex, dass wir uns abwenden, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Niemand möchte sich Schmerzen zuwenden. Wenn ein schmerzhaftes Gefühl auftritt, möchten wir diese Erfahrung vermeiden, beenden. Wir haben Angst, sie zu berühren.

Wir schalten den Fernseher an. Wir verbringen Stunden am Computer. Wir essen eine Tüte Chips. Wir kaufen ein. Wir trinken zu viel. Wir suchen und finden heutzutage sehr leicht etwas, wie wir uns beschäftigt und innerlich taub halten können. Statt in unser Bewusstsein eingeladen zu werden, verschwindet dieses Gefühl dann unter der Oberfläche und betritt jede einzelne Zelle unseres Körpers. Die Empfindung geht nicht weg, denn unser Körper vergisst nicht.

Eine häufige übliche Reaktion ist, dass wir uns beklagen. Warum betrifft das mich? Warum stößt mir das zu? Wir tun manchmal so, als ob es nicht wahr ist, verleugnen, lehnen ab.

Oder wir suchen einen Schuldigen: andere, oder, oft schlimmer: Uns selbst. Warum ich schon wieder? Kannst Du nicht… Schuldzuweisung kann auch eine Art der Verleugnung sein.

Die Gefahr ist, dass wir eine verbitterte, sarkastische oder depressive Person werden.

So lasst uns daran arbeiten, dass dies nicht passiert. Hier hilft uns die Übung von kshanti paramita.

Denn mit der Praxis von kshanti üben wir ein, das Gegenteil zu tun: uns der Schwierigkeit zuzuwenden und sie als Verbündeten zu umarmen. Wenn schwierige Dinge in unserem Leben geschehen, wenden wir uns ihnen zu und sehen, was wir tun können.

Der Begriff Geduld ist vielleicht mit einer irreführenden Assoziation behaftet. Wenn wir geduldig sind, ist es, auf als ob wir auf etwas Besseres warten. So wie Kinder mit Geduld Schwierigkeiten haben.

Traditionell wurden drei 3 Felder der Übung unterschieden:
1. Geduld mit eigenem Schmerz und eigenen Schwierigkeiten
2. Geduld mit dem Leiden, das durch andere verursacht wurde (im Umgang mit anderen)
3. Geduld mit den schmerzhaften Wahrheiten unseres menschlichen Lebens.

Wir üben Geduld mit dem, was ist. Wir erkennen zunächst an, was ist, ohne sofort beurteilen zu müssen, ob es gut oder schlecht ist. Dies ist die Praxis, zu erlauben, was ist.

Gassho,
Juen und Nanzan


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