Trauer

Der Herbst rückt voran
und ich werde
ein wenig traurig
beim Verschließen des Tores
zu meiner Grashütte

Ryokan



Neulich haben wir uns nach vielen Monaten erstmalig wieder im Zendo getroffen. Neben der Freude, alle wiederzusehen und endlich erneut gemeinsam zu sitzen, lag auch ein bisschen Wehmut im Raum – über versäumte Sanghastunden, Mitglieder, die nicht kommen oder die nicht mehr kommen können. Über Veränderungen, welche die Pandemie unserer Gruppe auferlegt hat und Veränderungen, die wir in der Zwischenzeit in unseren Leben erfahren haben. Trauer wie auch Hoffnung stellen universale menschliche Erfahrungen dar. Sie haben die letzten 19 Monate erheblich mitgeprägt – wie sehr, das werden wir vielleicht erst in den kommenden Jahren merken.
Und natürlich empfinden wir immer Trauer, ob wir diese als solches wahrnehmen oder nicht: Dinge, die wir verloren haben, Wünsche, Träume oder Lebens-Hoffnungen, die zerplatzt sind.
Verpasste Gelegenheiten. Nicht gesagt zu haben, oder nicht getan zu haben, was in dem jeweiligen Moment wichtig und richtig war und dies in einer Situation der Unwiederholbarkeit. Älter zu werden und dies körperlich zu spüren.
Beispiele aus frühen buddhistischen Schriften scheinen anzudeuten, dass das Ziel unserer Übung ein Zustand ist, in dem wir nicht trauern, weil wir die Veränderlichkeit allen Seins vollkommen akzeptiert haben und ihr gegenüber unempfindlich - ausgeglichen geworden sind. Auch im Zen kann man leicht den Eindruck bekommen, dass Emotionen per se hinderlich sind und dass wir mit zunehmender spirituellen Reife keine Trauer mehr empfinden und stattdessen in Gleichmut verweilen können und werden.
Das wäre zu einseitig!

Es gibt viele, zutiefst berührende Beispiele in der Zen-Geschichte über traurige Lehrer, von Ikkyu bis Ryokan, von Meister Dogen bis Shunryu Suzuki, die untröstlich waren wegen einer zerbrochenen Schale, herabfallendem Laub – oder dem Versterben ihrer Schülerinnen und Schüler.
Trauern ist menschlich. Zen ist eine Praxis, um menschlicher zu werden. Mit jedem Zazen, mit jedem Atemzug. Und nichts dabei außen vor zu lassen. Das ist ohnehin unmöglich.
Holen wir es also besser liebevoll in unseren Fokus, auch wenn gerade Trauer überwältigend und äußerst schmerzhaft sein kann. Auch wenn sie nie endet.
Als Bodhisattvas sind wir auch dazu aufgerufen, den Schmerz anderer - wie den eigenen - zu empfinden. „Karuna“ als Maß der Weite jenseits aller Selbstbezogenheit. Karuna als weises Mittel, um uns mit allem und mit allen noch etwas verbundener zu fühlen. So gesehen liegen Trauer, Zuversicht und Liebe eng beisammen. Wir verwandeln auf unserem Weg eins ins andere. Jedes Mal, wenn wir uns hinsetzen, jedes Mal, wenn wir einen bewussten Atemzug machen.
Jedes Mal, wenn wir unsere Absicht ausrichten. Wo liegt dann noch unsere Trauer?

Gassho, Juen


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zarte Bande

Nach langer Zeit - gefühlt deutlich länger als 1 Jahr - kamen wir vergangene Woche wieder zum gemeinsamen Zazen in Musanji zusammen. Wir haben uns hierfür verschiedene Einschränkungen auferlegt, an denen wir den Winter über festhalten werden. Zwar besteht eine der Grundlagen unserer Praxis darin, nichts und niemanden auszuschließen, doch sehen wir in dieser Pandemie-Situation, in der wir uns immer noch befinden, das Wohl aller als vorrangig. In den folgenden Wochen möchten wir schrittweise Elemente unserer "alten" Praxis wieder aufnehmen, allen voran langsam zur Rezitation zurückkehren.
Es war ein freudiges, ein bewegendes Wiedersehen in unserem schönen Zendo, das nichts von seiner Strahlkraft verloren zu haben scheint. Wir haben vor, zunächst unsere virtuellen Treffen mit jenen im Zendo wöchentlich abwechselnd stattfinden zu lassen.

Gassho,
Juen und Nanzan

Zendo


Hoffnung

Ich werde der trüben Welt nicht sagen,
sie solle rein werden.
Ich wasche mich selbst
und betrachte den Bachlauf im Tal.


Es ist, in Anbetracht von 18 Monaten in einem mehr oder weniger akutem Ausnahmezustand und in Anbetracht der Aussichten auf diesen Herbst, nicht ganz einfach, über Hoffnung nachzudenken. Ist Hoffnung buddhistisch? Zielt sie doch gemeinhin auf etwas ab, das sich nicht im gegenwärtigen Moment befindet. So gesehen, kann sie ein Hindernis auf unserem Weg darstellen, ein Ausweichen. Sie kann zu mehr Leiden führen, in dem wir das Duale in uns nähren. Wir hoffen auf etwas Bestimmtes, auf etwas Besseres und erleben das jetzige als Unglück oder zumindest als die für uns schlechtere Alternative.

Gleichzeitig strotzt die Lehre des Buddhas vor Hoffnung und Zuversicht. Unerschütterlich glaubt sie daran, dass es einen Weg gibt, uns von unserem Leiden zu befreien, andere Wesen zu schützen, Unheilvolles zu lindern und eine bessere Welt für uns alle zu gestalten. In diesem Sinne ist sie streng gegenwartsorientiert und unabhängig vom jeweiligen Ergebnis. Was für einen Bodhisattva zählt, ist die gute Absicht, die innere Ausrichtung und die Erfahrung des Augenblicks als einen zutiefst hoffnungsvollen Moment der Einheit und des Potentials. Sie hat etwas mit Handlung zu tun, nicht mit „Besitz“.

Gerade in schweren Zeiten wie diesen ist es außerordentlich wichtig, dass Boddhisattvas um ihrer selbst und anderer willen hoffnungsfroh bleiben.
Wir bieten unser Herz an. Egal wie die Winde stehen. Wir sind bereit, den nächsten Schritt in das Unbekannte zu tun. Wir vertrauen darauf, dass uns unse
re Praxis dabei leiten wird. Wir glauben fest daran, dass es all unsere Anstrengung wert ist, diese Reise zu beginnen, auch wenn sie so oft gegen den Strom verläuft.

Weise Hoffnung vertraut in die Chancen des Fremden und Neuen, in unsere Unsicherheit und in unser nicht-Wissen sowie in die Zuversicht, dass uns das Dharma halten wird. Diese Art der Hoffnung weiß, dass unser Tun zählt, auch wenn wir nicht vorhersehen können, welche Wirkung unser Handeln in der Zukunft haben wird.

Ausatem -
Einatem.
Wisse, dass sie
die Unerschöpfbarkeit
dieser Welt beweisen.


Gassho,
Juen und Nanzan

Gedichte aus: „Hoher Himmel Großer Wind“: Tanahashi/Boissevain; Leben, Gedichte und Kalligraphie des Zen-Meisters Ryokan, Edition Steinrich 2012


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Warum das Meer kein Wasser zurückweist

In Dogens "Bodaisattashishoho" - vier Weisen von Bodhisattvas, sich anderer anzunehmen - geht es im vierten Aspekt um "doji". Das bedeutet so viel wie "Gleichheit der Handlung", "Gleichheit der Absicht", "das gleiche Ziel haben", "im selben Boot zu sitzen".
Als Bodhisattvas streifen wir nicht nur unsere Robe an beim Klang der Glocke, wir gesellen uns auch zu jedem ins Boot, der uns ruft oder dem wir begegnen. Zu jedem. Wir machen, wie Daigu Ryokan, keinen Unterschied zwischen "Sakeladen oder Fischhändler", sondern wir besuchen sie alle:

Longtan bestritt seinen Lebensunterhalt mit dem Backen und Verkauf von Reiskuchen. Als er den Priester Tianhuang traf, verließ er sein Zuhause und folgte ihm. Tianhuang sagte: "Sei mein Assistent. Von nun an werde ich Dich das wahre Dharmator lehren" Nach einem Jahr sagte Longtan: "Als ich hier ankam, sagtest Du, dass Du mich lehren würdest. Aber bis jetzt ist nichts passiert". Tianhuang sagte: "Ich habe Dich die ganze Zeit gelehrt". Longtan sagte: "Was hast Du mich gelehrt?" Tianhuang sagte: "Wenn Du mich begrüßt, verbeuge ich mich. Wenn ich sitze, stehst Du neben mir. Wenn Du Tee bringst, nehme ich ihn von Dir entgegen."

Unsere Praxis, so streng und komplex sie auch aussehen mag, so intellektuell schwer zugänglich, so körperlich fordernd, so schier "unerreichbar", wenn wir an die Vier Großen Gelöbnisse denken – so einfach und schlicht ist sie in ihrer Essenz. Möglichst mit uns selbst und doch bar unserer selbst einfach sein, in heiterer Freundlichkeit und tiefer mit-menschlicher Verbundenheit, das ist das gesamte Dharma.

Loris
"Er ist ja gar kein Flüchtling", sagt sie, wobei sich ihre Mundwinkel nach unten bewegen. "... nur so ein Medizinflüchtling. Er hat seine Chance gehabt. Wir können nichts mehr für ihn tun." Nach der gemeinsamen Tumorkonferenz blicken wir ihr nach, während sie schulterzuckend den Treppenabsatz nimmt und sich dabei über die Seiten ihres weißen Kittels streicht.

Herr T. kommt aus Armenien. Dort hat er bei der Bahn gearbeitet. Als die Luftnot schlimmer wurde, machte der Arzt ein Röntgenbild. Es verheißt nichts Gutes.
Er verkauft alles, leiht sich Geld bei Verwandten und flieht im Bugwind der Flüchtlingskrise auf abenteuerlichen Wegen zu uns.
Nun sitzt er auf seinem Bett, schnappt bei kleinster Anstrengung nach Luft und blickt alle mit klagenden Augen an. Die erste Therapie hat versagt, die zweite ebenso. Die dritte ist nebenwirkungsreicher und: sie kostet "uns" ein kleines Vermögen.
Er spricht keine unserer Sprachen. Sein gesamter Besitz passt in eine Tasche am Bett, die ihm das Rote Kreuz geschenkt hat.

Vor ca. 75 Jahren waren 12 bis 14 Millionen Deutsche auf der Flucht.
Zufällig war ich nicht dabei. Zufällig habe ich Krankenversicherung, Wohnung, Kühlschrank, Auto, Beruf.
Er winkt mich heran und legt ein kleines Bündel auf die Decke. Sorgfältig packt er es aus und drückt etwas Rohes in meine Hand.
Es ist ein armenisches Kreuz. Er deutet auf uns beide und faltet die Hände.
"One" sagt er zum Abschied.

Gassho,
Juen



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Vogelgezwitscher im Morgengrauen, taunasse Füße im Abendlicht

Meister Unmon sagte: Diese Welt ist unermesslich weit. Warum legst Du beim Erklingen der Glocke Deine Robe an? (wörtl.: Dein siebenstreifiges Gewand)
Mumonkan, Fall 16

Wie sieht sie aus, Deine Robe und warum legst Du sie an? Legst Du sie jeden Morgen an? Was ist anders, wenn Du sie vergisst? Warum? Freust Du Dich, sie anzulegen? Was ist anders, wenn Du Dich nicht darüber freust?
In Dogens Bodaisatta Shisho-Ho (Vier Weisen von Bodhisattvas, sich anderer anzunehmen) spricht er unter dem vierten Aspekt von „doji“ – was so viel bedeutet wie Gleichheit der Handlung, der Absicht, das gleiche Ziel verfolgen, oder, etwas poetischer: im selben Boot zu sitzen. „Doji“ bedeutet Nicht-Unterscheiden. Es ist ein Nicht-Unterscheiden von sich selbst, ein Nicht-Unterscheiden von anderen.
Wie kann ich das üben, ein Nicht-Unterscheiden von mir selbst?
Hierauf sind viele Antworten möglich. Eine der etwas radikaleren lautet: indem ich alles als außerhalb von mir selbst Wahrgenommenes als zu mir gehörig erachte, sozusagen subjektiviere.
Und alles, was sich so anfühlt, als wenn es gerade „nur um mich“ ginge, verobjektiviere, sozusagen meine Türen öffne und das „Draußen“ hineinlasse, es zu verallgemeinern suche.

Unser Goliath des eigenen Ichs kann alles in seinem eigenen Sinne wenden, selbst diese Übung. Wir können auch sie zur Festigung unserer vorgefertigten Ideen benützen, zur Selbst-Bestätigung. Ob und inwiefern wir dies tun, können wir nur selbst für uns beantworten. Auch hier liegen wir nicht immer richtig. In unseren Handlungen, in unseren Interaktionen jedoch, in den kleinen, scheinbar nebensächlichen alltäglichen Wanderungen durch die Berge und Täler eines jeden einzelnen Tages, da zeigt es sich. Können wir dies sehen, hören, schmecken?

Wer könnte davon schöner singen als unser verehrter Meister Ryokan:
"Zeitig an einem Morgen zieh ich aus zum Bettelgang in die Stadt. Silberne Wolken segeln mit mir, goldende Winde lassen meine Glöckchen klingeln. Frühmorgens öffnen sich tausend Tore und Türen. Mittags, am Ende der Stadt, erscheinen Bambus und Basho-Baum wie ein Bild. Ost der West - kein einziges Haus werde ich auslassen. Ob Sake-Laden oder Fischhändler, ich besuche sie alle.
... Der alte Mann Vimalakirti sagte dereinst: Gleich im Empfangen der Speise, gleich im Geben des Dharmas müssen wir sein. Dies nehme ich so, wie es ist. Übe fest wie ein Berg, immerfort, hör niemals auf!"
(aus Ryokans Lied, Takuhatsu)

Gassho, Juen

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