Reue

Vers der Reue
 
All mein verwobenes Karma,
Entstanden aus anfangsloser Gier, Hass und Verblendung,
Geboren aus Körper, Wort und Geist,
Bekenne ich nun ganz und gar.

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Im Rahmen unseres „Friedlichen Verweilens im Herbst“ hatten wir das Thema „Gelübde“ aufgegriffen, das wir noch ein bisschen über die Angozeit hinaus fortsetzen möchten.

Wir haben uns über die Bodhisattva-Gelübde unterhalten, jene zentrale Gelübde des Mahayana, die den Anspruch beinhalten, „alle“ Wesen zu retten.

Wörtlich genommen, ist das unmöglich. Es birgt vielmehr die (Zazen)-Erfahrung, dass wir uns auch als Einheit, als Dogens „Große Versammlung“ betrachten können. Und dass wir diese Perspektive nicht nur als gleichwertig zu der gut bekannten polaren Sicht der Dinge praktizieren, sondern sie vielleicht als genomische Basis, als den Dreh- und Angelpunkt unserer Welt betrachten lernen.

Dies wiederum hat zur Folge, dass wir aufgerufen sind, die Schwierigkeiten zu untersuchen, die uns oft den Blick auf diesen Einheitsweg versperren. Denn die Welt spricht ständig mit uns. Meistens möchte sie uns helfen: Bäume, Gräser, Wolken, Morgenlicht, Herbstblätter stehen bereit, uns zu zeigen, dass sie Form gewordene Vollendung sind - weder eins, noch zwei, sondern eine einzige, sich steig verändernde Abfolge von Werden und Entstehen.

Die Erkenntnis, und vielleicht ist diese ausnahmsweise sogar eine der etwas einfacheren Praxisbestandteile, dass wir dies weder individuell noch kollektiv nicht immer vermögen, die Einsicht in unsere Nicht-Vollkommenheit, der Blick auf unser Scheitern wird im in unserer Praxis „Reue“ genannt.

Sie hat nichts gemein mit unserer Neigung zur Selbstbeschuldigung oder wiederkehrender innerlicher Selbstbestrafung, die letztendlich auch eine Form der übrigens sehr hartnäckigen Bestätigung unserer Illusion einer festen Identität darstellen.

Sie ist vielmehr zu sehen als ein Erkennen unserer Unvollkommenheit und Grenzen – trotz bestem Bemühen. Hiermit helfen uns Gelübde und Reue als „Linie nach vorne und Linie zur Seite“, auf der Spur zu bleiben.

Die Übung des Zazen ist daher Intention, Gelübde, Anspruch und stetes Bemühen zugleich. Sie beinhaltet die Erkenntnis in das, was gerade ist genauso wie die Offenheit für eine Veränderung unserer Sicht- und Handlungsweise.

In diesem Sinne können wir in unserem Zazen die faszinierende Kommunion von Vergangenheit und Zukunft Atemzug für Atemzug in uns erfahren, die wir den gegenwärtigen Moment nennen.

Deswegen ist er so kurz, dass er immer schon beinahe verflogen scheint. Deswegen ist er unendlich, dass wir nie aufhören können und sollten, uns mit allem, was wir sind und vermögen, zu ihm zu gesellen.

Gassho, Juen

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Tibetisches Zentrum HH

Am vergangenen Wochenende fand in Hamburg-Berne, seit 1983 Stammsitz des Tibetischen Zentrums e.V., ein Kurs mit Juen statt. Bei schönem Spätherbstwetter mit Blick auf den ruhigen Garten durften wir im Tempel selbst Zazen abhalten und uns den Fragen des Workshops widmen. Dem losgelöst vom Hauptgebäude geplanten Tempel merkt man an, dass sich hier schon viele Dharmasuchende inspireren ließen.
Vielen Dank für die Einladung und die Hilfe bei der Vorbereitung, liebe Dharma-Freunde!

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November im Benediktushof

Letzte Woche fand der erste von Juen geleitete Kurs am Benediktushof in Holzkirchen statt. Das Zendo lag unter dem Dach eines ehemaligen Wirtschaftsgebäudes. Während des Zazen konnte man sowohl den Brunnen im Hof als auch die Glocke der Basilika hören, ansonsten war es ganz still. Im weitläufigen Haus fanden viele andere Kurse statt. Ab und an begegnete man einander, freundlich nickend, ein jeder auf seinen spirituellen Wegen. Es dauert, bis sich der riesig, fast unüberschaubar anmutende Hof mit seinen vielen Kursräumen und sogar zwei großen Speisesälen auch von innen im Ganzen erschließt. Vertrautheit entsteht in den kleinen Ecken der Gartenanlage, beim Anblick der etwas schiefen Krötenleiter im Bachlauf, den Ikebana-Gestecken selbst in den äußersten Winkeln oder einfach nur beim Betrachten des alten, dicken Mauerwerks mit den Handwerks-Spuren vergangener Jahrhunderte.
Die Intention des Hauses jedoch ist überall spürbar: Menschen aus den 10 Richtungen auf ihrem inneren Weg zu begleiten und vor allem einen Raum dafür zu schaffen, damit dies überhaupt erst möglich ist.
https://www.benediktushof-holzkirchen.de

 
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Groß ist das Gewand der Freiheit

In unserem „friedlichen Verweilen im Herbst“ (Ango) beschäftigen wir uns mit Gelübden.
Eines der zentralen Gelübde des Zen stellen die „Vier großen Gelübde eines Bodhisattva“ dar.

Die Definition eines Bodhisattva besteht darin, die Absicht zu fassen, sein Leben nach dem Gelübde zu leben und nicht primär nach karmischen Impulsen. Diese können uns bewegen wie ein Blatt im Herbstwind: mal hierhin, mal dahin, je nachdem wie unsere Gewohnheiten, Vorzüge, Wertvorstellungen gerade wehen. Diese wiederum entwickeln sich im Laufe unseres Erwachsenwerdens, sie richten sich nach den Werten der Gesellschaft, in der wir leben. Wir benutzen dieses Wertesystem um zu handeln, zu urteilen, abzuwägen. Wir neigen hierbei zur Wahl dessen, was uns anzieht und wir scheuen das, was wir nicht mögen. Es sind meistens reflexartige Entscheidungen, die selten durchdacht sind, die auf junge Teile in uns selbst zurückgehen und oft „nur uns selbst“ im Blickfeld haben.

Jede und jeder in unserer Praxis ist dazu aufgerufen, ein Bodhisattva zu sein. Im Gegensatz zu jenen selbstlosen Heiligen, die sich der Welt entsagten, findet das Leben eines Bodhisattvas inmitten von allem Weltlichen statt. Ein Bodhisattva strebt danach, Entscheidungen zu treffen, die Leid vermindern und die Weisheit und Mitgefühl aller fördern. Ein Bodhisattva hat immer die Gemeinschaft im Sinn. Wir beginnen mit uns, wir schauen genau hin. Wir müssen nicht warten, bis wir „alles“ gesehen haben. Es reicht – und ist anstrengend genug - die eigene Verantwortung zu erkennen und bereit zu sein, sie zu tragen. Ein Bodhisattva ist ein spirituell erwachsen gewordener Mensch, das ist nicht selbstverständlich und geschieht nicht einfach so.

Natürlich unterliegt auch ein Bodhisattva dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles, was wir tun, hat Folgen. Solange wir hier sind. Solange wir denken können. Alles, was je getan wurde und getan werden wird, hat Folgen. Wir versuchen im Zuge der Übung, diese scheinbar unsichtbaren Abfolgen zunächst für uns selbst zu durchschauen. Wir beginnen mit der rein individuellen Ebene, die wir Zug um Zug erweitern auf unsere Erziehung, unsere Familie, unsere Nation.
Wir erfahren: wir selbst sind die Folgen unserer Taten, unserer Sprache, unseres Denkens und Handelns.

Vermeide Unheilvolles.
Tue was gut ist.
Lebe zum Wohle aller Wesen.


Dies sind nicht die Versprechen entfernter Heiliger vor langer Zeit. Dies beschreibt unsere Worte, unser Bemühen. Sie sind ein Appell an uns, die wir das große Glück haben, dieser wunderbaren Praxis begegnet zu sein. Wir sind dazu aufgerufen, sie mit größtmöglicher Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit zu üben. Im Zuge dessen weitet sich unsere Sorge immer mehr aus – ich kann nie wieder sagen: „Das ist nicht mein Problem.“
Ein Bodhisattva steht entgegen dem allgemeinen Trend nach isolierter Selbstschau, Ablenkung und „Schmerzarmut“.
Als Bodhisattvas sind wir bereit, uns vollkommen in den Dienst zu stellen, einen Dienst, der uns an Orte bringen wird, die wir uns niemals hätten träumen lassen. Einen Dienst, der uns Freiheiten eröffnet, die wir nicht erahnt und Empfindungen ermöglicht, die wir niemals gekannt haben. Einen Dienst, der für uns unbändige Freude und tiefe Traurigkeit, große Verbundenheit und edle Einsamkeit bereithalten wird.
Dies wird der Dienst im großen Gewand der Freiheit genannt: ein Feld des Glücks jenseits aller Formen.

Zahllose fühlende Wesen:
ich gelobe, mit allen gemeinsam zu erwachen.
Täuschungen sind unerschöpflich: ich gelobe, sie alle zu lassen.
Unzählbare Dharma-Tore:
ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.
Unübertroffen ist Buddhas Weg: ich gelobe, ihn zu verwirklichen.


Gassho, Juen

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Ango im Herbst

Wir bemühen uns.
Wir scheitern.
Wir beginnen wieder neu.
Wir tragen beides.
Das ist unser Leben.

Wir tragen dies genauso wie die oszillierenden Kräfte unseres Ichs: immer neu, immer ein bisschen anders.

Heute hat unser „friedliches Verweilen“ - Ango - im Herbst begonnen; mit morgendlichem Zazen dienstags (online) und der individuell zu formulierenden Absicht, sich etwas Konkretes vorzunehmen, das wir in diesen Wochen spirituell beleuchten möchten.

Unser Thema für diese Ango: die Gelöbnisse. Alle sind herzlich eingeladen!

Obschon dieses unwissende Ich
wohl niemals ein Buddha werden wird
gelobe ich andere hinüberzusetzen
weil ich ein Mönch bin.

Dogen Zenji

Gassho, Juen

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