June 2023

Von Hitze und Kälte

Ein Mönch fragte Tozan:
„Wenn Hitze und Kälte kommen, wie kann man ihnen entfliehen?“
Tozan antwortete: „Wie wäre es, einen Ort aufzusuchen, an dem es weder Hitze noch Kälte gibt?“
Der Mönch fragte: „Wo aber findet sich so ein Ort?“
Tozan antwortete: „Dort, wo Du in der Kälte erfrierst und in der Hitze verglühst.“

Hekiganroku, Fall 43


Warm und kalt, das Empfinden von Hitze und Kälte, sind sehr subjektiv. Wir alle haben dazu eine Meinung, wir haben eine eigene Wohlfühltemperatur. Das merken wir spätestens dann, wenn uns die Regulierung der Außentemperatur aus der Hand genommen wird, in einem Sesshin zum Beispiel. Jeder hat zum Öffnen der Fenster und Türen eine eigene Meinung.

Meistens frieren wir ungern, haben es lieber warm, schwitzen mögen wir auch nicht so gerne. Unser grandioser Körper mit seiner Regeltemperatur von 37° bemüht sich nach Kräften, uns wohl zwischen den beiden Extremen zu halten.
Hitze und Kälte sind nicht nur körperliche Empfindungen, sie sind auch mit Symbolik belegt: wir sprechen von einer erlöschenden Flamme, wenn sich unser Leben dem Ende zuneigt, in verschiedenen Regionen gilt das Feuer metaphorisch als Reinigung, manchmal als Strafe.
Kälte hingegen verbinden wir mit Kargheit, mit Lebenslosigkeit, mit Armut.

Auch körperlich bedeuten beide Zustände, dass wir aus dem Gleichgewicht geraten sind: wenn wir krank sind oder übermüdet, neigen wir zum Frieren. Wenn wir Fieber haben, schwitzen wir.

Es geht in diesem Koan um unerwünschte körperliche und seelische Zustände, um unser Unwohlsein und Unbehagen. Wie gehen wir damit um, wenn wir Kälte verspüren, die wir nicht beeinflussen können? Wie verhalten wir uns, wenn wir auf unangenehme Situationen treffen, die es uns zudem nicht erlauben, sie rasch „loszuwerden“?
Bleiben wir bei den Empfindungen auf körperlicher Ebene oder sausen wir gleich in unser Gedankenland und rufen: „ich will nicht!“.

Was tun wir, in körperlicher und gedanklicher Hinsicht, um diese Situationen zu vermeiden? Welche Handlungen sind hierbei die häufigsten Pfade, die wir gehen? Es ist wichtig, dies genau zu betrachten. Was ist mein erster Impuls? Welche körperliche Empfindung triggert welche Gedanken? Sind es immer die gleichen Sätze? Welche Worte veranlassen welche nachfolgenden Körperempfindungen?

Warum das wichtig ist? Weil wir andauernd Momente von Unbehagen erleben. Für manche Menschen beginnt es bereits mit dem Aufstehen, irgendein Körperzustand wird als unangenehm empfunden. Hiermit sind weniger körperliche Einschränkungen oder Schmerzen gemeint, sondern unsere Wahrnehmung darüber: etwas ist falsch, muss verändert und ungeschehen gemacht werden. Etwas wird als „nicht richtig“ gedeutet.

Der gegenwärtige Augenblick und unsere erste Wahrnehmung, die so oft an uns vorbeigeht, sind immer „richtig“.

Unsere Vorstellung davon, wie etwas zu sein habe, sind das Problem, das eine ganze Kaskade von Gedanken, Gefühlen, Körperreaktionen auslösen kann, die alle vor allem eines bewirken werden: wir versuchen wie wild, nicht zu leiden. In Wahrheit leiden wir mehr als zuvor.

Die ernüchternde und dennoch irgendwie tröstliche Antwort lautet: so sehr wir auch leugnen, agieren, krakeelen, mit unseren Meinungen um uns werfen, dissoziieren oder zu ignorieren versuchen: das Unbehagen bleibt. Oder verschwindet kurz und kommt dann wieder. Und selbst wenn es nicht wieder kommt, werden wir eine Abwehrhaltung entwickeln, die auch wiederum nur eine Verblendung darstellt. Wir strengen uns an, wir richten ganze Leben ein, um das Unausweichliche zu vermeiden.

Und dann kommt es doch, unweigerlich, und sei es in Form der drei ultimativen menschlichen Unwohnbarkeiten von Alter, Krankheit und Tod.

Tozans Antwort ist so einfach wie bahnbrechend: „Geh genau dahin, wo es schmerzt. Setze Dich dem aus, was Du für untragbar erachtest, was Du vermeidest, was Du nicht ausstehen kannst.“

Autsch!

Genau das ist Zazen. Genau deswegen gibt es keine einfachen Antworten. Genau deswegen beginnt unsere Praxis mit Körper und Atem. Mit „Ein“ und „Aus“. Mit dem Zurückkehren und dem Aushalten. Mit dem Ausstreichen und dem Dabeibleiben. Keine Kopfgymnastik, kein Flüchten in sozialen, psychologischen, psychotherapeutischen Aktionismus.

Statt dessen: genau hier, genau jetzt, genau darin: dabei bleiben. Was spüre ich? Wo spüre ich es? Was verändert sich, während ich das tue? Bleiben meine Gedanken die gleichen, während ich meine Empfindungen beobachte, insbesondere meine Wertung beider?

Wir haben die Wahl: wir können unser gesamtes Leben damit verbringen, nach dem Ort zu suchen, an dem es weder heiß noch kalt ist. Wir können unsere gesamte Energie dafür verwenden, uns vor Hitze, Kälte und etwaigem Unwohlsein zu schützen. Wir können alles daran setzen, diesen einen Ort nicht nur zu finden, sondern vor allem einen Ort, an dem dieser erstrebenswerte Zustand immer verfügbar ist. Eines ist sicher: wir werden erschöpft sein, viel Angst haben und wir werden viel leiden.

Oder wir können an uns herunterblicken, uns freuen, dass wir noch hier sind.

Gassho, Juen

RNI-Films-IMG-60E87356-0690-4123-A146-78FC515235E6



Geburtstag

Am vergangenen Samstag hat die Wind und Wolken Sangha ihren 20. Geburtstag begangen.
Wir möchten uns bei allen bedanken, die unsere kleine Sangha diese beiden Jahrzehnte lang unterstützt und mitgetragen haben!

IMG_20230323_143356472_BURST000_COVER_2

Tief aus den Wassern
zwischen Ise und Aegir
ein Name
neue Heimat
Linien und Gräser
Töpfe und Kissen
mein dein
schreibt der Wind
während
die Wolken vorüberziehen

Juen

IMG_20230323_143534404_BURST000_COVER_2


Verbundensein

All' diese Jahre
ein Kommen, Bleiben, Gehn.

Zerbrochene Schale -
goldener Kitt offenbart
wunderbare Risse -
Raum für all dies

Verena
im Juni 2023

IMG_20230323_143404704_BURST000_COVER_2