Zeig Dich!

Seit einer Weile beschäftigen wir uns mit den Silas, den Grundsätzen für ein gesundes Miteinander. Die Silas stellen sowohl Ethikkodex, Wegweiser, Prinzip und Kompass für ein gutes Leben, für die Verminderung und schlussendlich die Beendigung des Leidens dar. Sie sind in der Traditionslinie, in der wir üben, das Kostbarste, das wir weitergeben können.
Dabei stellen sie nicht die Übermittlung großartiger Erleuchtungserfahrungen dar. Zum Abschluss erhält niemand eine Brokatrobe. Gleichwohl führt ihr lebenslanges Studium unweigerlich zu einem klaren und glücklicheren Leben.

In unserer Tradition haben wir 16 Grundsätze. Das Vierte der „10 Großen Grundsätze eines Bodhisattvas“ lautet:
„Ich bin entschlossen, nicht zu lügen, sondern die Wahrheit zu sagen.“

Alle von uns haben Ansagen in der Kindheit erhalten, nicht zu lügen.
Gleichwohl sind wir im Erwachsenenleben umzingelt von Lügen. Von Versprechen der Politik, der Medien oder der Werbeindustrie – es wird dauernd die Realität gebogen.
Auch ein Verbrämen dessen, was ist – oder zu erwarten ist - stellt eine Form der Lüge dar. Das Gleiche gilt für ein Weglassen wichtiger Aspekte.
Eine Lüge verändert eine Situation, um uns selbst oder das, was wir favorisieren, vorteilhafter aussehen zu lassen.

Eine Lüge beruht immer auf einem Mangel. Eine Lüge beruht auf Angst. Meiner Angst, vor dem, was ist. Meiner Angst, dass etwas nicht genug sein könnte: so, wie es jetzt ist. Meiner Angst, dass ich dieses oder jenes benötige, um mich sicherer, reicher, schöner oder mächtiger zu fühlen. Es ist die Angst vor Verlust, die Lügen treibt. Es ist die Angst vor Veränderung, die sie unterhält. Und es ist die Furcht voreinander, die uns unter ihnen leiden lässt.

Dabei tragen wir alle noch jenes Kind in uns, das den Kaiser als nackt erkennt und ihn genauso anspricht. Dabei wissen wir aus der Erfahrung des Zazen, wie unendlich befreiend es sein kann, nicht mehr vorhalten, aufrechterhalten und vorgeben zu müssen. Sondern alles so anschauen und benennen zu dürfen, wie es eben ist.
Denn nur dann können die Blumen der Klarheit aus unseren Schritten wachsen.

Wir im 21. Jahrhundert, die über so viel mehr an Wissen, Macht und Potential in alle Richtungen verfügen, sind es uns und den Altvorderen schuldig – aber vor allem denen, die nach uns kommen, endlich mehr Klarheit scheinen zu lassen. Für unser aller anhaltendes Wohl. Diese Tür ruft uns heute mehr denn je. Sie steht weit offen.

Das Rad des Dharmas dreht sich von Anfang an. Da ist weder ein zu viel noch ein zu wenig – weder Überschuss noch Mangel. Das gesamte Universum wird durch den Tau des Nektars benetzt und die Wahrheit steht reif zur Ernte.
- Dogen Zenji -

Gassho, Juen


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