Koan

Der zinnoberrote Faden

Meister Songyuan Chongyue (12. Jhdt.) sprach zur Versammlung:
„Um den Weg in vollkommener Klarheit zu verwirklichen, müsst ihr einen wesentlichen Punkt durchdringen, ohne ihm auszuweichen:
Der zinnoberrote Faden kann nicht durchtrennt werden.
Nur wenige nehmen sich dieser Aufgabe an, sie ist nicht leicht zu lösen.
Stellt euch ihr, ohne zu zögern. Wie sonst soll die Befreiung kommen?“

Eine der traditionellen Auslegungen lädt dazu ein, diesen roten Faden, der auch als blutroter Faden bezeichnet wird, in einer vertikalen Dimension zu verstehen: unsere Verbindung zu unseren spirituellen Vorfahren, wie sie auch im Rahmen der Jukai-Zeremonie anhand der Blutlinie der Ahnen deutlich wird. Dieser Faden, das sind alle, die vor uns diesen Weg gegangen sind, aber auch unsere biologische Familie. Und alle, die nach uns kommen werden! Eine untrennbare Verbindung vertikal durch alle zeitlichen Ebenen.

000001 2

Auch in einer horizontalen Dimension gibt es eine Verbindung, einen Fluss, der untrennbar ist: unsere Verbindung mit anderen Menschen, mit allen fühlenden Wesen! Auch mit den Dingen, die unserere Wirklichkeit füllen und lebendig machen: ob Dogens „Gräser und Steine“, Reiskörner in Dogens „Anweisungen für den Koch“ oder Ryokans Schale. Im Bild von Indras Netz sind alle miteinander verbunden, ist alles verbunden. Wir bewegen uns mit anderen, sie mit uns. Indem wir mit anderen Menschen in eine Begegnung eintreten, lassen wir auch zu, dass wir selbst verändert werden. Dogen nannte dies „eine Dharmablume dreht eine Dharmablume“. Es ist ein Weg, die vielbeschworene Soheit sichtbar zu machen. Er ist heute so bedeutend wie damals. Die untrennbare Verbundenheit mit anderen immer in Erinnerung zu halten, ist wichtig in einer Tradition, die bisweilen etwas einseitig ein Idealbild des einsam in Abgeschiedenheit Praktizierenden pflegt. Das Leben Ryokans kann uns hierbei ein gutes Beispiel sein.

Der zinnoberrote Faden meint aber auch unser (noch) treu pumpendes Herz, die Verbindung zu unser eigenen Humanität, mit allem, das dazu gehört: Schmerz und Trauer wie Lachen und Freude, alle Verletzbarkeit, Leidenschaft, Verrücktheit, Sentimentalität - wie auch Leichtigkeit und Klarheit. Ohne diese, durch unsere Praxis immer dichter werdende Begegnung mit uns selbst, kann auch eine Verbindung nach „außen“ nicht tiefer werden. Wir bleiben, allen Errungenschaften auf diesem Weg zum Trotz, Menschen mit genau dieser Eigenschaft: wir bleiben Subjekt und Objekt von Ursache und Wirkung. So lange wir hier sind. Wir können dem nicht entrinnen.

Schoeck796592-03

In der Übertragung des Zen wird die Hinwendung zum Absoluten, zur Leere, nachdrücklich betont. Das ist richtig und wird im besten Fall einen vollkommen neuen, frischen Blick auf unser gesamtes Leben eröffnen. Jedoch ist diese Leere nur weit genug und damit tragfähig, wenn in ihr Platz ist für „Form“, für alles „Relative“, für die zehntausend Dinge, für Empfindung, Gefühl, für das uralte Wirken des Karma.
Daher ist es so wichtig, dass wir nie vergessen mögen, dass wir durch den zinnoberroten Faden auf vielfältige Wiese verbunden bleiben. Wir sind eingeladen, diese rote, pulsierende Lebensader in unsere Praxis miteinzubeziehen, uns an ihr zu freuen und uns auch durch sie leiten zu lassen.

Gassho,
Juen und Nanzan

Schoeck796592-02


Jiashan trifft den Fährmann

I

In dem alten Koan „Jiashan trifft den Fährmann“ wird folgende Begebenheit beschrieben:

Chuanzi Decheng übte gemeinsam mit Daowu und Yunyan in Yaoshans Gemeinschaft. Nachdem Chuanzi Yaoshan verließ, lebte er auf einem kleinen Boot auf einem Fluss in der Provinz Huating. Bevor er ging, sagte er zu Daowu: "Wenn du einen vielversprechenden Übenden triffst, schicke ihn bitte zu mir."

Zenmeister Jiashan war der Abt des Zhulin-Klosters. Daowu besuchte nun dieses Kloster und wohnte einer von Jiashans Vorträgen bei.

Einer der Mönche fragte: „Was ist der Dharma-Körper?“
Jiashan gab zur Antwort: „Der Dharma-Körper hat keine Form“.
Der Mönch fragte erneut: „Was ist das Dharma-Auge?“
Jiashan: „Das Dharma-Auge hat keinen Kratzer“.

Daowu konnte ein leises Lachen nicht verbergen.
Jiashan bemerkte dies. Er stieg von seinem Lehrersitz herunter, lud Daowu ein, machte eine formelle Verbeugung und sagte:
„Lachtet Ihr, weil ich dem Mönch eine falsche Antwort gab? Bitte seid so gütig, mir dies zu erklären.“
Daowu sagte: „Obgleich Ihr der Abt dieses feinen Klosters seid, habt Ihr einen wahren Lehrer noch nicht getroffen“.
Jiashan sagte: „Bitte sagt mir doch, wo mein Fehler liegt“.
Daowu sagte: „Ich kann es Euch nicht erklären, aber ich habe einen Gefährten, der auf einem Boot in Huating lehrt. Lasst mich vorschlagen, dass Ihr dorthin geht und ihn trefft. Ich bin mir sicher, dass Ihr etwas gewinnen werdet“.
Jiashan sagte: „Wer ist diese Person?“
Daowu sagte: „Über ihm ist nicht einmal ein halber Dachziegel. Unter ihm ist nicht einmal ein Zoll Erde. Doch falls Ihr zu ihm geht, tragt besser nicht Eure Abt-Robe“.

An diesem Treffen zweier erfahrener Zen-Lehrer ist mehreres bemerkenswert:
1. das Wesen des Zen zeigt sich in Begegnungen: innerhalb unserer selbst als auch im Austausch mit anderen oder darin, wie ich auf die sich mir darstellende Wirklichkeit reagiere.
2. ein Mensch begegnet einem Ding, zwei Menschen treffen aufeinander und etwas Neues kommt hervor, etwas, das vorher verborgen schien. Unsere Aufgabe besteht darin, möglichst frisch und wach zu sein für derartige Momente, so dass wir diese prägenden Gelegenheiten nicht verpassen.
3. die obige Begegnung findet statt zwischen zwei langjährig Übenden, die bereits die Dharma-Übertragung erhalten haben. Dennoch setzen sie ihre Suche fort. Kein Wort von dem „Ruhm“ des Erlangten, von „Status“ oder Seniorität.
Der (jüngere) Mönch stellt tiefe Fragen, sein Lehrer antwortet mit dem, wie wir auch heute den „Dharmakaya“ beschreiben: der erwachte Geist ist unsichtbar, unteilbar und allgegenwärtig. Wir könnten sagen, er gibt seinem Schüler eine „gute“ Zen-Antwort.
Dennoch kann sein Besucher, ebenfalls Lehrer, ein Schmunzeln nicht verbergen. Daraufhin verlässt sein Kollege den Lehrersitz, stellt sich auf Augenhöhe zu ihm und bittet um Erklärung. Kein Beharren auf seinen „Zen-Worten“ oder seinem angestammten Hochsitz, „seinem“ Kloster, vor seinen Mönchen. Nichts davon ist wichtig in dem Moment, in dem es jemanden zu geben scheint, der vielleicht noch tiefer schauen kann.
Wahrer Anfänger-Geist.

00009896-07



II

Daraufhin löste Jiashan bald seine Klostergemeinschaft auf, wechselte die Kleider und ging geradewegs nach Huating.

Als Chuanzi Jiashan nahen sah, sagte er zu ihm: „Und von welchem Kloster bist Du der Abt?“
Jiashan antwortete: „Ich bin nicht Abt eines Klosters, sonst würde ich ja nicht so aussehen“. Chuanzi sagte: „Was meinst Du mit ‚nicht so aussehen’?"
Jiashan sagte: „Es ist nicht wie etwas, das klar vor Augen liegt“.
Chuanzi: „Wo hast du gelernt?“
Jiashan: „An keinem Ort, den Ohren oder Augen erreichen können“.
Chuanzi: „So wie du diesen Satz verstehst, kann er den Esel immer noch für unendliche Zeit anbinden“.
Dann sagte er: „Ich lasse meine Angelschnur eintausend Fuß hinab, doch das Herz ist immer noch drei Zoll vom Haken entfernt. Warum sagst du nichts?“
Jiashan war gerade dabei, seinen Mund zu öffnen, da stieß ihn Chuanzi mit dem Ruder ins Wasser. Jiashan tauchte auf und kletterte ins Boot.
Chuanzi sagte: „Sag etwas! Sag etwas!“
Jiashan wollte seinen Mund erneut öffnen, als Chuanzi ihn erneut anstieß.
Da kam Jiashan plötzlich zum Erwachen und verbeugte sich drei Mal.

Chuanzi erkennt Jiashan trotz seiner Verkleidung.
Auch wir sollten uns durch die Kleider unserer Mitmenschen weder beeindrucken noch abhalten lassen, ihnen (dennoch) zu begegnen.
Chuanzi, wie ein guter Arzt, spürt, dass es noch Symptome einer Krankheit gibt, die Jiashan in sich bisher nicht angesprochen hat. Es fehlt noch etwas, bis sein Herz ganz zu Wasser gelassen und zum Freischwimmer werden kann. Chuanzi wendet die beste Medizin an, die ein Arzt, eine Mutter, zu bieten hat: er vertraut ihm vollkommen. Und dem Wasser, das ihn tragen wird. Und den Wellen dazwischen.

00009896-06



III

Chuanzi sagte: „Nun kannst Du die Angelrute übernehmen. Die Bedeutung des Ausspruches ‚das stille Wasser wird nicht bewegt’ ist natürlich und tiefgründig“.
Jiashan sagte: „Warum gibst du die Angelrute fort?“
Chuanzi: „Um zu sehen, ob der Fisch goldene Schuppen hat oder nicht. Wenn du es erkannt hast, sprich schnell! Worte sind wunderbar und unaussprechlich“.
Während Chuanzi sprach, bedeckte Jiashan seine Ohren und begann, sich zu entfernen. Chuanzi sagte: „Genauso, genauso“.
Dann belehrte der Meister Jiashan und sagte: „Von nun an, lösche alle Spuren, aber verbirg nicht deinen Körper. Ich war 30 Jahre lang in Yaoshans Kloster und habe genau dies geklärt. Nun hast du es. Lebe nicht in einer Stadt oder einem Dorf. Bleibe tief in den Bergen oder auf einem Bauernhof und leite eine oder eine halbe Person an. Führe meine Lehre fort und lass nicht zu, dass sie abgeschnitten wird.“

Der Überlieferung nach blieben die beiden die ganze Nacht über auf dem Boot auf dem Fluss und sprachen miteinander.

Lösche alle Spuren ...
Ein Aspekt davon könnte sein, so zu leben, dass wir möglichst wenig Unheilsames hinterlassen. Das mag in Zeiten der Klimadiskussion gerade besonders publik sein, beginnen jedoch tut es in uns: unserer Kost, reell, medial, sozial, unseren Gesten, unserer Anschauung zum Beispiel.
Ein weiterer Aspekt könnte darin bestehen, der Erfahrung von Shunyata, der Leere, in unserem Tun und Handeln Ausdruck zu verleihen.

„Wenn Ihr etwas tut, solltet Ihr Euch vollständig verbrennen, wie ein gutes Feuer, das keine Spuren hinterlässt.“
Shunryu Suzuki


Verbirg nicht deinen Körper ...
Wir sind als Bodhisattvas dazu aufgerufen, unseren Platz einzunehmen und die Fragen, die das Leben an uns stellt, ehrlich und direkt zu beantworten. Mit allem, was wir „sind und haben“.

Ja, es gibt verschiedene Stufen des Erwachens. Es gibt große und kleine Einblicke. Manche davon halten nur kurz, manche ein Leben lang. Letztendlich aber gibt es nur eine Form des Erwachens: erwachte Handlung“.
Sojun Mel Weitsman

00009896-08



IV

Jiashan nahm Chuanzis Übertragung an und sagte ihm Lebewohl.
Er ging an Land, begann wegzugehen und drehte sich immer wieder um.
Chuanzi rief ihm hinterher: „Verehrter, Verehrter!“
Jiashan drehte sich um.
Chuanzi hielt das Ruder hoch und sagte: „Da ist noch etwas.“
Nach diesen Worten sprang er aus dem Boot und verschwand im Dunst und in den Wellen.

Natürlich gibt es immer noch dieses oder jenes.
Diese Übung hat kein Ende. Was heute eine „rechte“ Antwort ist, mag in einer anderen Situation „drei Zoll vom Haken entfernt“ sein. Wo es Strukturen gibt, neigen wir dazu, Dinge festschreiben zu wollen. Das ist insbesondere auf dem Gebiet der Spiritualität heikel. Dem Wesen des Zen ist es völlig fremd.

Natürlich gibt es im Grunde genommen weder dieses noch jenes.
In dieser Übung ist Anfang wie Ende. Die „rechte Antwort“ stets die gleiche. Laterne, Bambus und Kiesel sind unsere Strukturen. Das Wesen dieser Praxis wird von Dunst und Wellen geschrieben. Zusammen mit allen, die darin seit mehr als zwei Jahrtausenden beheimatet sind.

Gassho,
Juen und Nanzan

Schoeckelm279102-09


Als Quellen wurden verwendet: The True Dharma Eye, transl. Kazuaki Takahashi, John Daido Loori, Shambala Publ., 2005; Zen's Chinese Heritage, Andy Ferguson, Wisdom Publ., 2000.



Ein Strauch, ein Traum und große Weite

I

Am Ende eines Dialoges mit seinem Schüler und Förderer zeigte Meister Nansen auf einen Blumenstrauch und sagte: „Heutzutage sehen die Menschen solche Blumen wie im Traum.“ (Hekiganroku, Fall 40)

Zuvor hatte sich sein Schüler Rikuko erfreut über einen von ihm gelesenen Satz gezeigt, der die Einheit allen Seins beschrieb. Fast zärtlich beantwortet sein Lehrer diese Bemerkung, indem er ihn nicht barsch ob seiner angelesenen Weisheit zurechtweist, sondern, fast beiläufig und verallgemeinernd, in den Garten abschweift, wo ein blühender Strauch zu sehen war. Ein Strauch, der nur mit unseren Sinnen erfahrbar ist, nicht mit unserem Intellekt. Ein Strauch, der uns sanft, aber unmissverständlich dazu auffordert, den Sprung zu wagen weg von unseren Büchern und Kalendersprüchen mitten hinein in all das, was uns täglich vor Augen kommt: für uns hervorgebracht, um zu sehen, riechen, fühlen, schmecken und zu hören.

_1030412-2

Was heißt es, in einem Traum zu leben?
Was hält uns darin?
Was braucht es, um daraus aufzuwachen?

Nicht selten sind es eher unangenehme Dinge, die uns daraus aufschrecken lassen. Wir alle haben Situationen durchlebt, in denen sich unser Leben roh und nackt anfühlt. So schmerzhaft und kühl sich dies auch anfühlen mag - natürlich gibt es auch den erfreulicheren, meist jedoch nur kurz währenden Gegenpart - wir stehen in dichtem Austausch mit uns und allen anderen. Wir halten dann meistens die Luft an, bis wir nach einer Weile wieder zurückgleiten in unseren Traum.

Wie können wir auf alltäglicher Ebene die Momente, in denen wir meist nur kurz daraus aufschrecken, zu einem Normalzustand werden lassen, der uns weit mehr zurückgeben wird als unser eigenes Leben? Der Traum besteht aus wenig mehr als einer Illusionswelt, die unsere Identität für ihren Erhalt permanent benötigt und somit der Erfahrung des gegenseitigen Verbundenseins, der Einheit entgegensteht.

Gleichzeitig steht die Metapher des Traumes für Flüchtigkeit, Veränderung, für Bewegung. Der Traum als Chance. Als Gelegenheit zum Nicht-Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken und Hören. Als Brücke zwischen dem Gestern und dem Übermorgen, den stetig changierenden Aspekten unserer Welt, unserem Ich und seinen Schatten, unserem Sein und Nicht-Sein.

Stern am Morgen, Kräuseln im Fluss
Zuckender Blitz in einem Sommersturm
Flackerndes Licht
Schatten im Traum
So ist diese flüchtige Welt

- aus dem Diamantsutra -

SchoecklFP655761-15

II

Der Fall 1 des Hekiganroku beschreibt die Begegnung zwischen dem legendären Mönch Bodhidharma dem Kaiser Wu, einem belesenen und praktizierenden Buddhisten.

Kaiser Wu fragt Meister Bodhidharma nach dem tiefsten Sinn der heiligen Wahrheit. Bodhidharma antwortete ihm: „Unendlich weit und leer. Nichts von heilig.“
Da fragte der Kaiser: „Und wer bist Du - mir gegenüber?“ Bodhidharma erwiderte: „Ich weiß es nicht.“ Der Kaiser verstand nichts. Später überquerte Bodhidharma den Yangtse-Fluß und gelangte ins Königreich Gi.

Schoec1197621989-32


Der Kaiser, ein gebildeter Mann, wollte schlichtweg wissen: „Was ist das Geheimnis des Buddhismus?“ Worum geht es, was ist der Kern, die Essenz dieser Lehre aus dem fernen Indien? Oder, in der Formulierung zahlreicher anderer Koans: Warum kam Bodhidharma aus dem Westen? Worum geht es im Zen?

Wenn wir versuchen, diese Frage vom Kopf aus zu beantworten, wird die Glocke, die uns im Koantraining bedeutet, dass wir noch einmal antreten müssen, rasch läuten.
Vielmehr geht es darum sich jenem „weit und leer“ unmittelbar zu öffnen und sich hierdurch verwandeln zu lassen.

Dies ist keine intellektuelle Handlung, sondern vielmehr eine körperliche. Sie entspringt aus dem hara, nicht aus unserem Kopf. Sie ist relational: sie kann sich im Rahmen einer Begegnung erschließen. Mit mir selbst, mit anderen, mit der Welt, den 10 000 Dingen. Als horizontale Bewegung. Und obgleich sie eine Form der horizontalen Transzendenz annehmen kann, ist sie nichts Abgehobenes. Im Gegenteil. Sie ist so konkret wie ein Blütenstrauch im Garten nur sein kann. Sie ist so handfest wie unser Leben: konkret, einzigartig und edel.
Und genauso heilig wie „weit und leer“, das „kein Auge, kein Ohr...“ des Herzsutra. Alles ist heilig. Alles ist „ich“. Wer also bin ich?

Schoec1197621989-31


III

Setchos Vers zum Fall 40 des Hekiganroku spricht vom Sehen, Hören, Empfinden, Erkennen als „nicht eins und eins“.

Er fährt fort:
Wie in einem Spiegel erscheinen Berge und Flüsse und werden nicht gesehen.
Der Himmel frostkalt, der Mond untergegangen.
Es ist Mitternacht.
Wer kann dies bezeugen?
Lichtreflexe huschen über das Wasser.
Es ist kalt.

SchoecP400616555-07


Da ist es wieder: vom Spiegel aus betrachtet, gibt es weder Berge noch Flüsse. Ein Spiegeltraum: reine Reflexion.
Von Bergen und Flüssen aus betrachtet, lassen sich diese nicht durch einen Spiegel erfahren.
Im Dunkeln, nach Mitternacht, kann ich weder den „Fuß voran noch den Fuß hintan“ erkennen. Gleichwohl werde ich von ihnen getragen. Ein Traum? Wer kann dies bezeugen?
Aus der „Wolke des Nichtwissens“ auftauchend, nehmen wir die Welt wahr. Nicht eins und eins. Denn sie existiert, weil wir sie wahrnehmen, weil wir ihre Zeugen sind, weil wir sie lieben.

Gassho,
Juen, Nanzan

P1050042



In die Helle des Tages tretend

Im Hekiganroku, Fall Nr. 41 fragt Joshu, wie man nach dem großen Tod weiterleben soll. Tosu, ebenfalls ein Zen-Lehrer und um einige Jahrzehnte jünger als der bereits hochbetagte Joshu, gibt hierauf zur Antwort: „Ich erlaube nicht, bei Nacht zu reisen. In die Helle des Tages muss man ankommen“.

Als „großer Tod“, als „restloses Sterben“ wurde damals ein Verschwinden unseres Ichs, unserer Identität im Rahmen der Meditationserfahrung bezeichnet. Wir treten zur Seite, hinaus aus unserem unterscheidenden, urteilenden Denken und machen Platz für alles andere: die gesamte phänomenale Welt. Wir sind. Mit allen. Egalitär wie radikal. Abwesend einerseits und vollkommen präsent andererseits. Ohne Form und doch in allen Formen. Vollkommen tot, total lebendig.

Doch hiermit nicht genug: als Zen-Übende stellt das nächtliche Reisen nur einen Teil unserer Lebensaufgabe dar. Der andere Teil, nicht minder herausfordernd, besteht im „Aufstehen und Tanzen“ (Juwelenspiegel-Samadhi), im sich zeigen und bezeugen, wozu unsere gesamte Gegenwart in gleißendem Tageslicht gefragt ist.

Und sie besteht letztendlich darin, dem immerwährenden Wechselspiel zwischen Form und Leere, Endlichem und Unendlichem, Unterscheidung und Verbindung so geräuschlos wie möglich zu folgen. Das ist Leben, das ist lebendig und hierzu ist es zunächst nebensächlich, in welcher Lebensphase wir selbst uns gerade befinden. Tod oder lebendig?

Gassho, Juen


P1050174


Bittere Pillen

Worum geht es bei Kanzeons Händen und Augen?
Und was bedeutet es, dass wir selbst diese Hände und Augen sind?
Was heißt es, Regentropfen da draußen zu hören?
Und was bedeutet es, eins zu werden und dieses Einswerden immer wieder loszulassen?

Eine alte Frau fragte Meister Joshu: „Ich habe einen Körper, der die fünf Hindernisse enthält. Wie kann ich dennoch frei werden?“
Joshu antwortete: „Bete darum, dass alle im Himmel geboren werden und Du in einem Ozean der Widrigkeiten verweilen wirst“.


Es kann nicht genug betont werden, dass alle Koans eine ganz bestimmte Situation wiederspiegeln, in einer bestimmten Zeit. Dieses Koan stellt hierin keine Ausnahme dar.

Bezogen auf uns und das eigene Leben könnte es bedeuten: was kann ich tun, um mit oder trotz meiner eigenen Hindernisse frei zu werden, egal ob diese geistiger (z.B. Talente, Bildung) oder körperlicher Natur sind (z.B. Krankheit, Älterwerden) oder ob sie unsere Lebensplanung (Pläne, Wünsche, Hoffnungen) betreffen?

Joshus Antwort mag harsch erscheinen. Wir wissen nicht, wie er ihr dies gesagt hat. Wir können aber davon ausgehen, dass er die Verzweiflung und das Bemühen der alten Frau erkannte und ihr helfen wollte.

Das Radikale an des alten Meister Joshus Antwort ist seine direkte Art, in der er sie dazu auffordert, unmittelbar über die eigene Person hinauszuschauen auf andere Menschen und deren Wohl. Hierbei ist kein moralischer Appell gemeint, keine Wertigkeit zwischen der alten Frau als schlechter und der Gemeinschaft als besser und auch kein Gehorsam gegenüber dem Aufruf einer äußeren Autorität.

Denn in Bezug auf unser eigenes Leiden helfen Strategien wie „Wegerklären“, „Aufbauschen“ oder „Negieren“ nur wenig. Das einzige, was hilft, ist die gesamte Medizin zu schlucken, so bitter sie auch schmecken mag.

Es gibt nur den Weg hinein: in ein Leiden, dass letztlich nicht „mein“ Leiden, sondern das Leiden aller ist. Das entspricht nicht unserem ersten Impuls. Dennoch ist dieses Aufweichen von Grenzen, dieses Erspüren von Gemeinsamkeiten das, was ich aufbringen muss, um selbst frei zu werden.

Es ist ein Weg, der weit genug ist, um die Widrigkeiten anderer zu sehen und zu fühlen, als wären sie meine eigenen. Was sie auch, vor langer Zeit und heute mehr denn je, immer schon sind und waren.

Gassho, Juen, Nanzan


P400-3452-09 2

Regentropfen

In der Koansammlung Hekiganroku (Aufzeichnungen von der blauen Felswand) handelt der Fall 46 von "Kyoshos Regentropfen". In dieser überlieferten Begegnung zwischen einem Zenlehrer und seinem augenscheinlich neugierigen Schüler geht es um das Wechselspiel von Leere und Form, Einheit und Vielfalt, Absolutem und Relativem.

Kyosho fragte einen Mönch nach den Geräuschen da draußen, vor dem Eingang. Der Mönch gab zur Antwort: "Regentropfen". Daraufhin sagte Kyosho, dass die Lebewesen sich täuschen würden und nach äußeren Dingen jagten.

Vielleicht sprach Kyosho hier von unserer Alltagswahrnehmung, Dinge und Ereignisse als etwas wahrzunehmen, das sich außerhalb von uns selbst abspielt, also als etwas, das vollkommen getrennt von uns ist.

Dies stellt aber nur einen Teil unserer Wirklichkeit dar, die eben auch die Möglichkeit birgt, eine unveräußerliche Verbundenheit mit allem, mit allen fühlenden Wesen zu erfahren. Mit anderen Worten: wo plitschern die Regentropfen?

Im weiteren Verlauf dieses Dialoges spricht Kyosho auch davon, dass es nicht ganz so schwer sei, das Einssein zu verinnerlichen, es aber deutlich schwerer sei, dieses wieder loszulassen. Dieser scheinbare Widerspruch zum obigen stellt unser gesamtes menschliches Dilemma dar: wir sind aufgefordert, uns den vielfältigen Fragen zuzuwenden, die das Leben an uns stellt und gleichzeitig sind wir dazu aufgerufen, diese hintanzustellen, sie zu vergessen.

Daher lautet der Beginn von Setchos abschließenden Vers: "Die leere Halle - Geräusch von Regentropfen".

Einheit zu erfahren und zu verinnerlichen, gerade im Zen sehr betont, ist ohne Zweifel die Voraussetzung zur Befreiung. Und doch hört unser Weg hier nicht auf: dieses Einssein möchte Ausdruck finden in den tausend Eindrücken, Situationen, Begegnungen unseres Lebens, so unspektakulär und alltäglich diese auch erscheinen mögen. Einheit erfahren und in Vielfalt leben: beides zu halten, das ist es, wie wir am weitesten und auch am glücklichsten zu schwingen vermögen.

Wir treten hinaus in die Regentropfen und wir treten hinein in die Regentropfen.

Gassho, Juen, Nanzan


6292-P400-07 2