Von feurigen Landschaften am Meeresgrund

„Ich entscheide mich, nicht im Zorn zu bleiben, sondern Ausgeglichenheit zu kultivieren,“ lautet eine Interpretation des neunten Grundsatzes für ethisches Verhalten (Silas).

Bodhidharma wird dazu folgende Bemerkung zugeschrieben: „Die Natur des Selbst ist subtil und geheimnisvoll. Im Bereich des selbstlosen Dharmas wird das Nicht-Ersinnen der Wirklichkeit des Selbst um des Selbst willens der Grundsatz des Nicht-Unterhaltens von Zorn genannt.“
 
Dogen äußerte sich zu diesem Grundsatz unter anderem folgendermaßen: „Nicht Voranschreiten. Nicht Zurückweisen. Nicht solide. Nicht leer. Da ist ein Meer voller leuchtender Wolken. Da ist ein Meer voller düsterer Wolken.“
 
Es gibt verschiedene Arten von wütend sein: „akut“ und „chronisch“. Bei der akuten Wut handelt es sich um eine blitzschnelle Emotion als Reaktion auf einen unserer Triggerpunkte.
 
Hier lohnt es sich, zu schauen:
  • Bei welchen Gelegenheiten werde ich regelmäßig wütend?
  • Werde ich wütend, wenn ich selbst zum Beispiel etwas fallen lasse oder geht es mir eher bei anderen so?
  • Werde ich wütend, wenn ich selbst (von mir aus betrachtet, zu Unrecht) kritisiert werde oder eher, wenn dies bei anderen geschieht?
  • Werde ich wütend „retour“, wenn jemand anderes wütend auf mich ist oder bringt mich das eher zum Abkühlen?
  • Werde ich eher wütend auf Menschen oder auf Dinge (... wenn der PC „hängt“?)
  • Wie werde ich körperlich wütend, wie ist die Temperatur, wie beschreibe ich meine Empfindungen und wo lokalisiere ich sie in erster Linie?
  • Neige ich dazu, meine Wut auf jemanden oder etwas anderes zu verschieben, weil es mir sicherer vorkommt?
  • Wie fühle ich mich nach einem Wutanfall – körperlich/ gedanklich?

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Dies sind nur einige Fragen, mit denen es sich lohnt, zu arbeiten. Wie so viele Emotionen, hat meine Wut nicht nur einen konkreten Anlass, sondern sie wird ausgelöst, weil ich den jeweiligen „Grund“ mit etwas verbinde: meistens mit einem Ereignis aus der Vergangenheit, an das ich schlechte Erinnerungen hege. Mit anderen Worten: oben mag die Wut lodern, darunter befinden sich interessante Stockwerke zum Beispiel der Trauer, der Angst oder der Schmerzen. Manchmal können wir die tiefsitzenden Verletzungen gar nicht benennen, so schneidend sind sie und wir begnügen uns mit dem Anlass.
 
Die Fäden der Wut werden jedoch von etwas anderem zusammengehalten als ihrem sichtbaren Auslöser. Wenn wir ihnen auf die Spur kommen möchten, ist es wenig hilfreich, auf die Wut selbst zu schimpfen oder einfach zu warten, bis ihre Flamme erlischt. Sie tut es jedoch nie wirklich, denn die Wut ist schlau. Schon beim nächstmöglichen Augenblick wird sie wieder zündeln und uns meistens hilflos von ihr einnehmen lassen. Am Ende betrachten wir all das zerschlagene Porzellan um uns herum und beginnen verstohlen mit dem Aufräumen, vielleicht auch mit den Entschuldigungen. Die Wut lässt uns einsam werden und sie hält uns gefangen.
 
Da dies nun schon unser Leben lang so ist und wir alle Abläufe auswendig kennen, könnten wir darüber nachdenken, uns der Wut auf andere Weise zu nähern: neugierig zum Beispiel. Wir könnten uns betrachten, wie wir heiß werden und laut, wie wir schwitzend und prustend uns echauffieren, wie wir, die wir ansonsten jede Stubenfliege mit dem Glas hinaustragen, zu Kriegern werden, bereit, zu „stehlen“ und zu „töten“ - weil jemand sich in der Autoschlange vordrängelt.

Interessant! Wir könnten uns besser kennenlernen: so bin ich (auch). So kann ich sein, wenn... Es wird unsere Haltung über die derzeit bedauerlicherweise weit verbreitete öffentliche Wut ein wenig modifizieren.
 
Behandle Deinen Ärger mit dem größtmöglichen Respekt und der feinsten Zärtlichkeit, denn er ist nichts anderes als Du selbst. Unterdrücke ihn nicht. Sei Dir einfach seiner bewusst. Gewahrsein ist wie die Sonne – wenn sie auf die Dinge scheint, verändert sie diese. Wenn Du Dir Deiner Wut bewusst bist, wird sie verwandelt.
Thich Nhat Hanh

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Nachdem wir die Akutphase unserer Wut untersucht haben, sollten wir uns dem Aspekt widmen, den dieser Grundsatz vor allem im Blick hat: der schwelenden Wut, des dauerhaften Grummelns oder Gärens in mir. Von diesem „chronischen“ Ärger handelt der neunte Grundsatz vor allem: dem anhaltenden Verweilen in der Trennung zwischen mir und anderen, hier beispielhaft anhand der Wut dargestellt.
 
Nicht erforschte Wut spaltet. Sie wirft einen Keil zwischen uns und andere, sie polarisiert Beziehungen, Gemeinschaften, Nationen. Wenn wir aber bereit sind und nichts anderes stellt jede Meditationspraxis dar, uns diesen Kellergewölben unserer Psyche zu stellen, indem wir zumindest eine Birne einschrauben und einen Blick riskieren, werden wir - erst einmal leiden. Wir werden den Schmerz spüren, der diese Wut etabliert hat. Das ist nicht schön und gewollt, aber irgendwann muss Luft an eine Wunde kommen dürfen, sonst kann sie nicht heilen. Der Buddha wusste das, als er uns empfahl, unsere Wut zu umarmen.
 
Depression, Müdigkeit, Überdruss, geistige Unfreiheit, Abhängigkeit sind Folgen von verschobener und verdrängter Wut. Wollen wir das? Wie lange noch? Wut ist ein wunderbarer Lehrer über unser Selbst. Wut hat ein enormes Energiepotential, das wir zu unserer Unterstützung auf dem Weg umwandeln können. Nur wenn wir es vermögen, im Dunkeln zu reisen, werden wir uns am Licht des Tages erfreuen können.
 
Gassho,
Juen

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