March 2023

Der alltägliche Geist ist der Weg

Joshu fragte Nansen allen Ernstes: „Was ist der Weg?“
Nansen antwortete: der alltägliche Geist ist der Weg“.

Fall 19, Mumonkan


Oft konzentrieren wir uns darauf, WAS wir tun. Oder was wir eigentlich tun sollten an Stelle von dem, was wir gerade vor uns haben. Wir denken darüber nach, was wir tun möchten, was sein sollte, was sein könnte. Wir grübeln darüber, was nicht ist. Wir denken immer wieder daran, was der oder die gesagt hat, was richtig ist und was nicht, was wir uns wünschen, was wir „stattdessen“ viel besser hätten sagen sollen und so weiter.

Das ist nicht falsch oder un-spirituell, es ist nur einseitig und es führt überwiegend zu mehr Leiden. In unserer Praxis stellen wir eine Alternative zur Seite: wir untersuchen, WIE wir etwas denken oder tun. Indem wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, verschwinden Vorlieben, Meinungen, selbst unser Widerstand hält inne. Wir müssen nicht mehr etwas besonders Schlagfertiges antworten, besonders hübsch oder klug sein oder etwas Interessanteres tun. Wir verlegen unseren Fokus auf uns selbst: wie mache ich das gerade? Wie fühle ich, wo spüre ich etwas, wie verleihe ich in dieser Situation meiner Übung am besten Ausdruck?

Indem wir uns von der Rolle der Opfer unserer Umstände wegbewegen, geschieht etwas: es ist an uns, zu fragen, an uns, zu beleuchten, an uns, zu verändern. Der äußere Rahmen verschwindet im Webmuster. Wir müssen uns nicht länger bemühen, das Angenehme, Gute über das Unangenehme, Lästige gewinnen zu lassen. Es ist ohnehin unmöglich.
In diesen scheinbar langweiligen Handlungsabfolgen, die wir schon x-Mal abgespult haben, um dann auf das Wochenende, die Ferien oder die Befreiung zu hoffen, ist unser Weg. Mittendrin.

Sollen wir uns dahin ausrichten? Dafür müssen wir nichts Zusätzliches tun, nicht besonders „Zen“ sein, noch nicht einmal besonders achtsam sein. Neugierig bleiben und unverstellt, einfach schauen, einfach hören, das ist der Weg.

Wie kann ich wissen, dass der Weg der richtige ist?
Unser Körper, unsere Haut, unsere Knochen, unser Mark zeigen uns die Richtung. Unser Zazen zeigt uns den Weg. Dann müssen wir nur noch lassen. Und nichts anderes suchen.

Gassho,
Juen

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Wasser trägt viele Gezeiten

„Wasser übt Zazen, indem es sich bewegt. Dennoch ist das Wasser still, während es fließt, denn das Fließen ist sein Stillsein, seine Natur. Die Brücke übt Zazen ohne sich zu bewegen. Lasst das Wasser sich bewegen, denn das ist die Übung des Wassers.“

Shunryu Suzuki


Welche Bewegung haben wir? Wie drücken wir unsere Natur aus?
Was in uns ist gefroren? Was kristallisiert?
Was ist Raureif, was Schneeflocke oder Strom?
Zeig es mir!

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Der Alltag in Wolken und Wasser

Im Rahmen unserer Übungszeit im Frühjahr („Ango“) haben wir ein neues Kapitel aufgeschlagen: die Vier Elemente werden unser Thema der nächsten Wochen und Monate sein. Unsere Ahnen bezeichneten die Vier Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft als die Komponenten, aus denen sich alles zusammensetzt. Später kamen mit „Raum“ und „Bewusstsein“ zwei weitere Elemente hinzu.
In unserer Sangha haben wir vor kurzem mit der Beschäftigung um das Wasserelement begonnen.

Die täglichen Handlungen von Wolken und Wasser
Ans Ufer des Meeres zu gehen, um Sandkörner zu zählen, vergeudet die eigene Kraft.
Einen Ziegel zu polieren, um daraus einen Spiegel zu machen, ist ebenso vergeblich.
Siehst Du nicht, dass die Wolken über den hohen Bergen ganz natürlich und spielend miteinander tanzen? Wie können wir die Frage stellen, ob sie einander vertraut oder fremd sind?
Das Wasser eines tiefen Flusses folgt dem Flussbett mit seinen Geraden und Kurven, ohne den einen oder anderen Lauf zu bevorzugen. Die täglichen Handlungen der Menschen gleichen Wolken und Wasser.
Wolken und Wasser sind so – Menschen hingegen nicht.
Wenn sie aber so sein könnten, wie würden sie sich dann in dieser dreifachen Welt bewegen?
Dogen Zenji, Eihei Koruku

Mit der „dreifachen Welt“, der Welt des Samsara, der Welt der „10.000 Dinge“ ist gemeint: das Habenwollen, die Welt der Form, des Unterscheidens und die Welt dessen, was formlos ist und keine Abgrenzung kennt.

Das Wasser verhandelt nicht mit dem Flussbett, ob die Biegung des Stromes ihm gefällt oder nicht. Es fließt dahin, wohin es getragen wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass es beliebig fließen würde. Das Fließen ist ihm so vertraut, dass es nicht hinterfragt, ob es sich in 30 oder 20 Grad Kurven schlängelt oder ob dies die gerade rechte Krümmung darstellt. Es fließt einfach. Denn Fließen ist sein Element. Es ist seine Haltung, sein Gelübde. Es ist seine 1000 Arme und Augen.

Wenn wir so sein könnten wie Wolken und Wasser, wie würden wir dann leben? Wie würden wir uns bewegen, mit all unseren Angelegenheiten und Sorgen, mit all unseren Flügeln und unseren Schwimmbewegungen?

Gassho, Juen

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Roseburg

Vor kurzem fand unser Zen-Seminar "Blüten fallen" im Haus der Stille in Roseburg statt. Wieder waren es stille und anregende Tage der Einsamkeit und Gemeinschaft, die dieses Haus nun schon seit 60 Jahren prägen. Es hat etwas, "nur" einen Kurs jeweils gleichzeitig im Haus zu haben. Der Essensraum ist eher ein größeres Wohnzimmer, die Schuhe im Eingang reichen für ein einziges Regal.
Und mit Saskia gibt es eine Bodhisattva, die viele persönlich kennt (nicht nur die Kursleitenden) und auch für jede/n ein Wort oder eine Aufmerksamkeit bereit hält. Getragen von kecken Krokussen und einer morgendlichen Symphonie an Vogelstimmen verbrachten wir unsere Tage. Danke, Roseburg! (https://www.hausderstille.org).


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