Nur sitzen: anders als wir denken

„Nur sitzen“ lautet eine der oft zitierten Empfehlungen im Zen.

Das Kissen, das Kissen, das Kissen. Aber was ist mit meinem Zorn auf die Rehe, welche die Frühlingsknospen rasiert haben? Dem aktuellen Zustand „der Welt“? Meiner Unzufriedenheit mit mir?

Der oft allzu schnellen Rückkehr in den Trott nach beeindruckenden Kurstagen, fernab von all den nervigen Dingen des Broterwerbs?

Wo die schwarze Pille ihre Wirkung verfehlt, ist es gut, danach Ausschau zu halten, wie unsere Praxis zusätzliche Formen annehmen kann.

Es gibt ein Zazen des Toilettengangs und des Kochens, wie wir bereits von Meister Dogen wissen. Wie sieht dies ein paar Jahrhunderte später aus? Welche Formen kann unsere Praxis annehmen?

Diesen Aspekten unserer Praxis widmen wir uns seit ein paar Wochen. Wir haben mit dem Bodhisattva Gelöbnissen begonnen, denn Absicht, Ausrichtung stellt die Basis jeder spirituellen Übung dar.

Ferner möchten wir uns dem Dharma-Studium widmen, dem Zazen und dem Zazen der täglichen (Geld-)Arbeit. Wir werden auch auf den wichtigen Bereich der Kreativität und Imagination zu sprechen kommen und die Sangha im Sinne der Praxis der Begegnung und des gegenseitigen Austauschs besuchen.

Wir laden alle Leserinnen und Leser herzlich ein, uns ihre Erfahrungen und Fragen hierzu mitzuteilen.

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Zazen

Schneefall
Am abendlichen Zendo
Ruf eines Käuzchens
Flocken
Wirbel
Welten
Bereit zu schmelzen
Bereit zu funkeln
Bereit.

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Samu

Zärtlich
Helfen
Tusche
Und Grün
Einander zu erwachen.


Rigi

Tief in der Nacht
Hoch auf dem Berg
Holt mein Atem
Seewasser
Der Mund bleibt stumm

Doch die Alten
Kichern
Und prusten
Bis die Sonne aufgeht.


Erster März

Dichter Schneefall
Hier oben
Kein Laut
Selbst die Tempelglocke
Schweigt
Dem Tanz der Welten
Gehört die Stunde
Meine ist eine davon.

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Besuch im Felsentor

Unsere letzte Zenreise führte uns über einen Zazenkai im Maximilianeum (https://www.zenimmax.ch/) in Zürich über einen Abend im wunderschönen Zendo am Fluß in Luzern (https://www.zendoamfluss.ch/) auf die Mitte der Rigi zum ehrwürdigen Felsentor.

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Eingerahmt und getragen von der Praxis der Hausgemeinschaft durften wir eine Woche lang gemeinsam arbeiten, rezitieren, Zazen sitzen, Pause machen und natürlich die umwerfend schmackhafte Kost aus den verschiedenen Gärten des Berges verzehren. Der Kurs geriet darüber fast in Vergessenheit.
Felsentor ist einer der seltenen Orte, wo die Stille eine Heimat gefunden hat.

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Call me by my true name

„Was“, so lautete vergangene Woche eine Frage nach unserem Austausch mit den Freundinnen und Freunden des Berkeley Zen Centers, „können wir als Zen-Übende tun in Zeiten wie diesen?“

Obschon die Frage im Kontext des vorher Gesagten gestellt wurde, das sich mit dem Zusammenhang von Shunyata und Mitgefühl befasste und obgleich wir keine Regierung wie die in den USA erwarten, sind es dennoch Gedanken, die viele von uns hier beschäftigen: was vermag das Zen zu bewirken in unruhigen Zeiten wie diesen?

Zunächst einmal sollte ich die Erwartung daran, dass mein Handeln möglichst unmittelbare Folgen haben muss, überprüfen.

Zeit läuft nicht nur linear. Das ist eine der ersten und ausnahmsweise immer gültigen Wahrheiten jeder Meditationspraxis, insbesondere der unsrigen, die das stille Sitzen als Kern-und Angelpunkt betrachtet. Zeit fließt, hüpft, sie vergisst sich, sie verläuft zäh wie Sirup und sie rauscht dahin wie ein Wasserfall. Da dies bereits in einer einzigen Meditationseinheit geschieht, gilt es umso mehr für größere zeitliche Bögen.

Womit wir bei Vertrauen sind, einem weiteren Pfeiler unserer Praxis. Vertrauen in meinen Körper. Vertrauen in meine mir innewohnende, wenngleich allzu oft verborgene Intuition und Weisheit. Prajna ist Weisheit auf zellulärer Ebene.

Das ist eine gute Gelegenheit zu überprüfen: vertraue ich meinem Körper mehr als meinen Gedanken?
Handle ich auch danach?
Mein Körper weiß immer, wo er sich befindet. Er weiß auch, was rechte Handlung, rechte Rede und rechte Intuition ist. Er kann sie riechen, schmecken hören. Er merkt, wenn dies umgesetzt wird.
Interessanterweise spielen Gedanken hierbei nur eine Nebenrolle, denn meistens bemerken wir sie nach der Zeit, nach dem jeweiligen Moment.

Unser Kissen kann niemandem vor polarem Denken schützen. Es kann keinen Krieg verhindern, keinen Aggressor außerhalb unserer selbst befrieden.
Bedeutet dies, ich sollte mich auf meinen kleinen Sprengel zurückziehen und schauen, dass ich möglichst unbeschadet über die Runden komme?

Da dies mit zunehmender Übung leider auch nicht mehr durchgehend möglich ist, kann ich versuchen anzuerkennen:
Wir wünschen uns einfache Lösungen. Wir sind immer noch Herdenwesen. Wir lernen sehr langsam. Wir bevorzugen Verheißungen vor oft ernüchternden Wahrheiten, zumal wenn diese mit kurzfristigen eigenen Einschränkungen materieller Art verbunden sein könnten. Wir wollen manches gar nicht wissen. Sprache schafft Tatsachen.

So beunruhigend bis verstörend einiges derzeit sein mag: ein Blick auf die Geschichte des Zen zeigt, dass es schon immer derartige Zeiten gegeben hat.
Nichts daran ist schön. Nichts daran eignet sich zu einer spirituellen Verbrämung.

Im Angesicht extremer Veränderungen, des schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalts und der globalen Auswirkungen selbst entferntester Handlungen auf mein Leben im 21. Jahrhundert, wird das kleine Kissen zu einem Bindeglied. Es verbindet die unfassbare Weite und Güte, die auch in mir steckt, mit dem Hässlichen und Polaren, das wir derzeit vielerorts sehen und hören.

In unserer 2500 Jahre alten Tradition hat es zahllose Vorbilder gegeben, die sich diesen Herausforderungen ebenfalls gestellt haben. Täglich, leise, unsichtbar, heute meist als Name vergessen.
Schwarz sendet keine Frequenz aus. Es produziert kein Karma. Wir können ihm daher vertrauen.
Und dem Ort, der uns spiegelt, was uns immer verfügbar ist und was alle Poren in Einklang zu bringen vermag: Stille, Weisheit und Mitgefühl sind es, die Klarheit bewirken und rechte Handlung walten lassen.

Zeiten wie diese stellen eine nicht unbedingt ersehnte, wenngleich unglaublich kostbare Gelegenheit dar, unsere Praxis täglich mit noch etwas mehr Nachdruck zu bezeugen und in sie zu vertrauen: ganz so, wie die Alten es taten, deren gute Medizin noch bis heute ihre heilsame Wirkung auf uns ausüben kann.

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